Maerchenonkel

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Die Bitte des Minotaurus

Haltet ein, Athener, haltet ein!
Hört endlich auf, mir eure Jungfrauen und Knaben zu opfern – ich kann ihren Anblick nicht länger ertragen! Wie viele wollt ihr mir noch schicken für den Erhalt eurer Stadt und für ein Versprechen, welches ihr vor Jahrzehnten gegeben habt?

Gewiss, auch ich war stolz, als ihr am Boden lagt, zermalmt unter den Füßen unseres Königs Minos. Und natürlich fühlte ich mich geehrt, als ihr in jedem neunten Jahr sieben Jünglinge und sieben Mädchen mir zum Fraße vorwerfen wolltet, um den Frieden zu wahren.
Ihr bringt sie auf meine Insel und führt sie zum Eingang des Labyrinths, dessen Herrscher und Gefangener ich gleichzeitig bin. Doch mit jeder neuen Opfergabe wurde ich eures Tuns überdrüssiger.
Gäbet ihr doch nur eure Besten her!

Glaubt ihr, weil ich einen Stierschädel auf meinem Menschenleib trage, sind mir Schönheit und Mut fremd?
Ihr klugen Athener bringt doch nur jene als Opfer dar, derer ihr selber überdrüssig seid. Eure Jungfrauen sind hässlich und schwach an Verstand, sie irren durch mein Labyrinth und werden ohnmächtig, sobald sie mich erblicken. Kein Mann könnte sein Vergnügen an ihnen stillen.
Und erst eure Jünglinge! Wenn wenigstens einer den Mut aufbringen würde, sich mir entgegenzustellen, so wäre dies endlich eine Abwechslung in meinem tristen Dasein. Aber sie sind alle schwach und feige. Zitternd fliehen sie vor meinem Schatten und verstecken sich in den Büschen.
Das also sind eure Opfer, die ihr mir gebt: Die hässlichsten eurer Mädchen und die schwächsten eurer Knaben.

Sogar ihr Fleisch ist mir mit der Zeit zuwider geworden. Es stinkt erbärmlich, bereitet mir Magenschmerzen und hinterlässt in der Nacht grausame Alpträume.
Ist das eure Rache für den verlorenen Krieg, Athener?

Nichts kann ich mit ihnen anfangen. Wie ich sind sie nur Gefangene meines Labyrinthes, ohne Hoffnung auf ein Entrinnen.
Denn das ist das Schlimmste an dem Schicksal, welches uns letztlich verbindet: Wir sind alle nur Gefangene.

Seit Jahren suche ich einen Ausgang aus dem Labyrinth, doch wie sollte ich diesen finden, wenn immer wieder eure Opfer meinen Weg kreuzen?
Schon von weitem kann ich sie riechen und vermeide es, ihnen zu begegnen. Ihr Erschrecken und ihre Schreie, wenn sie mich entdecken, widern mich an und ich muss ständig die Richtung wechseln, um nicht mit ihnen zusammenzutreffen.
Ich gehe ihnen aus dem Weg – und kann deshalb meinen Weg nicht finden!

Ist das der Fluch der Götter oder der Fluch der Athener? Ich bin verdammt, im Labyrinth zwischen euren Opfergaben mein Ende zu finden.
Darum haltet ein und schickt mir keine Knaben und Jungfrauen mehr! Oder gebt mir wenigstens einen Jüngling, der genug Mut besitzt, sich mir entgegenzustellen, damit meine Qualen endlich ein Ende haben.
Seid barmherzig, Athener – ein einziges Mal!



19.8.08 18:25


Der Goldesel

In einem gar nicht fernen Land lebte ein Mann, der ließ allerorts verkünden, er besäße einen Goldesel. Dieser könne drei Goldstücke scheißen, wenn man ihn zuvor mit zweien gefüttert habe. Da der Mann im Lande wohlbekannt war, vertrauten ihm die Leute und sprachen: „Wir wollen uns dieses Wundertier aus der Nähe betrachten. Ist es, wie er sagt, bitten wir ihn, er möge auch unser Geld mehren.“

Als nun viel Volk vor seinem Haus stand, ging der Mann zu ihnen und sprach:
„Ist einer unter euch, der mir zwei Goldstücke geben will? Die stecke ich dem Esel ins Maul und es kommen gewiss drei Goldstücke heraus.“

Tatsächlich fand sich jemand, der dem Manne zwei Golddublaten reichte. Der nahm sie und sagte:
„Ich werde in den Stall des Esels gehen, ihr aber dürft mir nicht folgen, denn der Esel ist sehr störrisch und wird kein Gold scheißen wollen, wenn ihm Fremde dabei zuschauen.“

Dies verstanden die Leute und so warteten sie geduldig auf seine Rückkehr. Es dauerte auch gar nicht lange, da trat der Mann wieder aus dem Stall hervor und hielt drei funkelnde Goldmünzen in seiner Hand und rief:
„Wie ihr seht, kann mein Esel wirklich Gold scheißen.“
Und er übergab dem Glücklichen die drei Goldmünzen.

Da jubelte das Volk begeistert, ließ den Mann hochleben und jeder wollte der Nächste sein, der ihm sein Geld gab. Doch auch zur damaligen Zeit waren die meisten arm wie Kirchenmäuse und niemand war mehr unter ihnen, der zwei Goldstücke sein Eigen nennen konnte. Sie flehten, er möge doch wenigstens ihre Kupferpfennige und Silbergroschen vervielfachen, doch der Mann schüttelte den Kopf:
„Ein richtiger Goldesel pflegt, wie sein Name schon sagt, nur Gold zu fressen und nichts anderes. Gebe ich ihm eure einfachen Münzen, wird er elendig zugrunde gehen. Aber warum legt ihr nicht euer ganzes Geld zusammen und spart eifrig, bis ich es in Goldmünzen wechseln kann? Die will ich dann gerne meinem Esel zum Fressen geben.“

Die Anwesenden nickten freudig, denn das war in ihren Ohren ein guter Vorschlag. Sie gründeten gemeinsam einen Goldesel-Sparfond, knapsten sich jeden Pfennig vom Munde ab und schickten dem Besitzer des Goldesels ihre Münzen.

Nach vielen Jahren nun rief der Mann alle Fondmitglieder zusammen und sprach:
„Ihr habt nun lange genug gespart und mir eure Münzen gesandt, nun konnte ich sie in zweihundert Goldmünzen wechseln. Die will ich heute an den Esel verfüttern. Hat er sie vervielfacht, werde ich jedem von euch seinen gerechten Anteil auszahlen.“

Der Mann schob eine Karre mit Goldmünzen zum Stall, die so schwer war, dass er sie dreimal auf seinem Weg absetzen musste. Derweil warteten die anderen und malten sich in den buntesten Bildern aus, was sie mit ihrem Gewinn machen würden. Die einen wollten sich ein Haus kaufen, andere auf Reisen gehen – und einige sich einfach nur richtig sattessen.

Langsam jedoch wurden sie ungeduldig, denn der Besitzer des Goldesels wollte und wollte nicht aus dem Stall zurückkehren. Schließlich wurde es Abend und die ersten waren so erbost, dass sie wütend zum Tor gingen und heftig dagegenpochten. Endlich öffnete es sich und der Mann trat mit traurigem Gesicht zu ihnen:
„Ich muss euch leider sagen, dass mein Goldesel tot umgefallen ist, als ich gerade das letzte Goldstück an ihn verfüttert wollte. Es kann sein, dass zweihundert Goldstücke einfach zu viel für seine Verdauung waren.“

Das erboste natürlich alle und sie liefen in den Stall, um nach dem Tier zu schauen. Tatsächlich fanden sie den Esel tot und rasch schnitten sie ihn von oben bis unten auf. Doch so sehr sie auch suchten, es fand sich nichts in ihm, was einem Goldstück ähnlich sah.

Die Menschen verklagten den Mann vor dem königlichen Gericht, doch befanden die höchsten Richter, er sei unschuldig und der Esel an einer Goldvergiftung gestorben.

Es geht das Gerücht, an jenem Platz, wo sich früher das Haus des Mannes befand, stehe heute das Frankfurter Bankenviertel. Doch dies kann ich nicht mit Gewissheit sagen.

18.8.08 22:08


Der Schornsteinfeger und der Bäcker

Der Schornsteinfeger und der Bäcker

In einem Dorf lebten einst ein Schornsteinfeger und ein Bäcker friedlich miteinander. Sonntags saßen sie gemeinsam in der vordersten Kirchenbank und feierten inbrünstig die heilige Messe. Begegneten sie einander auf der Straße, so grüßten sie sich und wünschten einen guten Tag.

Eines Morgens jedoch musste der Bäcker die Backwaren selber austragen, da sein Geselle krank war. Sein Weg führte ihn auch zum Haus des Schornsteinfegers.
Als ihm dessen Frau öffnete, sprach er galant:
„Schöne Gevatterin, ich habe Euch und Eurem Mann die süßesten Brötchen mitgebracht. Verspeist sie mit meinen besten Wünschen, denn Euer Mann sorgt heute dafür, dass mein Schornstein wieder kräftig rauchen kann.“
„Ich werde es ihm gerne ausrichten“, antwortete die Frau geschmeichelt, „doch ist mein Mann nicht im Haus. Er musste schon früh am Morgen fort, um den Leuten aufs Dach zu steigen.“
Als sie den Bäcker vor ihrer Türe von oben bis unten beschaute, dachte sie bei sich:
„Das wäre endlich ein Mann nach meinem Geschmack. Wie heißblütig doch seine Wangen glühen, wie weich und rundlich seine Gestalt ist. Der wurde aus einem ganz anderen Holze geschnitzt als mein Alter, der dürr und klapprig jeden Tag im eisigen Winde steht und die Kälte mit in unsere Kissen bringt.“
Und sie sprach:
„Kommt doch herein. Ihr schaut aus, als hättet Ihr von Euren eigenen Brötchen noch nicht gekostet, und mir selber ist es zuwider, am Frühstückstisch die leere Wand anzustarren.“ Zwinkernd fügte sie hinzu:
„Wir wollen doch einmal sehen, ob nicht auch ich euren Schornstein zum Rauchen bringen kann.“
Das ließ sich der Bäcker nicht zweimal sagen und antwortete:
„Wenn Ihr einen guten Esser braucht, so will ich mich gerne an Eure reichlich gedeckte Tafel setzen und mit allem Schönen verwöhnen, dessen das Bäckerhandwerk fähig ist.“

Zur selben Zeit läutete auch der Schornsteinfeger an der Backstube und sprach zur Bäckersfrau:
„Sagt eurem Gemahl, sein Schornstein würde wieder rauchen, als sei er neu.“
Die Bäckerin fand ebenfalls Gefallen an dem Mann vor ihrer Haustür und dachte:
„Das wäre wahrlich ein Mann nach meinem Gusto. Wie kühl doch seine Wangen sind, wie groß und hager seine Gestalt. Das ist ein anderer Kerl als mein Alter, der fett und schwitzend jeden Tag vor dem heißen Ofen steht und den Mehlstaub in unsere Kissen bringt.“
Und sie antwortete ihm:
„Was nutzt schon ein Kamin, wenn der Ofen nicht zum Glühen gebracht wird? Kommt nur herein, ihr seht mir arg verfröstelt aus. Wir werden gemeinsam schon einen Weg finden, wie wir uns ein wärmendes Feuer entfachen können.“
Der Schornsteinfeger nahm ihre Einladung nur zu gerne an und sie liebten und herzten sich, dass es eine reine Freude war.

Bald darauf kehrte der Bäcker zufrieden in sein Heim zurück. Seine Frau erwartet ihn bereits mit rot glühenden Wangen und sprach:
„Heute war der Schornsteinfeger da und hat bei uns ordentlich eingeheizt und den Ofen gereinigt, damit du wieder backen kannst.“
Als der Bäcker sein Weib betrachte, entdeckte er auf ihren Wangen und auf ihrer weißen Schürze lauter Russspuren und argwöhnte:
„Mir scheint, er ist nicht nur auf unserem Dach zugange gewesen. Sag mir sofort, woher die Rußflecken auf deiner Haut stammen oder ich erschlage dich!“
Seine Frau erwiderte: „Woher sollen sie schon stammen? Ich ließ ihn herein, damit er bei meinem Herd nach dem Rechten schauen kann. Dabei ist wohl etwas Ruß auf mein Gesicht gekommen.“
Der Bäcker blieb misstrauisch, doch konnte er seiner Frau nicht das Gegenteil beweisen. Also sprach er:
„Es mag so gewesen sein oder auch nicht. Auf jeden Fall sollst du nichts Schwarzes mehr in unser Haus hineinlassen. Sollte ich auch nur noch einen Rußfleck an dir erblicken, so wird es dir schlecht ergehen.“

Auch der Schonsteinfeger war wenig begeistert, als er seine Frau über und über mit Mehlstaub bedeckt sah. Sie redete sich zwar heraus, es stamme nur von einem Kuchen, den sie für ihn gebacken habe, doch er befahl:
„Mir darf nichts Weißes mehr ins Haus kommen. Sollte ich noch einmal Mehlspuren auf deinem Gesicht finden, werfe ich dich mit Sack und Pack hinaus.“

Am nächsten Tag geschah es, dass sich Bäcker und Schornsteinfeger auf der Straße begegneten. Sobald sie einander sahen, stürmten sie aufeinander los.
„Du elender Mehlwurm“, schrie der Schonsteinfeger, „lass in Zukunft deine dicken Pfoten von meiner Frau!“
Der Bäcker ließ sich nicht lumpen und rief:
„Und du schwarzer Schlotknecht hast deinen Ruß nicht auf dem Gesicht meiner Frau zu verteilen.“
Da war die schönste Schlägerei im Gange, es wurde getreten und gebissen, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte, und wären nicht andere Dorfbewohner dazwischen gegangen, hätte wohl einer sein Leben verloren.

So kehrten beide arg gebeutelt zu ihren Frauen zurück, der Schornsteinfeger über und über mit Mehl bestäubt, der Bäcker hingegen mit Russ.
Doch was ist schon die List der Männer gegen die List der Frauen? Beide mussten vor der Türe ihre Ärmel ausstrecken und die Bäckerin sagte, sie dürfe niemandem mit einem Rußfleck Zutritt gewähren, die Frau des Schornsteinfegers hingegen wollte nichts Weißes in ihr Haus lassen.
Wie auch die Männer bettelten und sich bemühten, die Spuren ihres Kontrahenten von der Kleidung zu wischen, die Frauen ließen sie nicht herein. Da standen sie nun zitternd bis weit in die Nacht vor ihren Häusern und baten um Einlass.

Die Frauen jedoch hatten erst dann Mitleid mit ihnen und ließen sie herein, als die Männer feierlich versprachen, der jeweils andere dürfe wieder ihr Haus betreten.

Trafen sich fortan die Familien, so grüßten Frauen einander im geheimen Einverständnis, ihre Männer jedoch blickten stur zu Boden in der Gewissheit, gleichzeitig Betrüger – und Betrogener zu sein.
26.3.07 10:50


Die Klage der Rapunzel

Sagt mir, Frau Königin, seid Ihr stolz auf die Erziehung Eures Sohnes?
Habt Ihr ihm alles beigebracht, was für einen zukünftigen Herrscher vonnöten ist?
Dass man zum Beispiel das Recht und die Menschen in seiner Nähe achte!
Bin ich denn als Gattin und Mutter seiner Kinder ohne Wert, da er mir jeglichen Respekt und das eheliche Recht verweigert?

Warum schaut Ihr mich nicht an, wenn ich mit Euch spreche?
Ich weiß, Ihr mögt mich nicht. Eine Dahergelaufene bin ich in Euren Augen, eine unwürdige Gespielin für Euren Sohn. Jemand, den er nur an den Haaren herbeigeschleppt habe, wie Ihr Euch zu scherzen erlaubtet.

Und doch liebte ich ihn und er liebte mich, als wir uns noch im Geheimen trafen, voller Sehnsucht und Furcht, es könne uns die Zauberin Gothel überraschen.
Damals war er jede Nacht bei mir. Am Abend ließ ich mein Haar hinab, damit er zu mir heraufsteigen konnte. Und jeden Morgen ließ ich ihn wieder hinunter, nachdem wir uns unter Tränen verabschiedet und er mir ewige Treue schwor.

Ach, wie jung ich war und unwissend. Er war der Erste, der mein abgeschiedenes Verließ betreten durfte und der Einzige, dem ich meine Wärme und Zärtlichkeit schenkte.
Ihr glaubt es mir nicht, aber mir war es einerlei, ob er nun Prinz war oder Bettler.

War ich denn nicht schon im Mutterleib verloren, da mich die Eltern eintauschten gegen Salat? Und war ich nicht erst recht verloren, als ich, der Welt und allen Menschen entrückt, aufwuchs zwischen dicken Mauern wie eine Gefangene, die keine Schuld in sich trägt?
Oh, welche Qual, aus dem Turmfenster dem Treiben der Menschen zuzuschauen, die so nah und doch unerreichbar fern. Wusste die Alte denn nicht, was sie tat? Sie ließ mir das Fenster, damit ich das Leben schauen, aber nicht davon kosten könne.

Nein, sie war nicht schlecht. Ihre Nachbarn fürchteten sie und waren ungerecht und boshaft zu ihr. So wollte sie mich schützen vor dieser Welt und erhob mich über alle hinweg, damit ihre Niedertracht mich nicht erreichte. Ach, hätte sie mir doch auch das Fenster genommen!

Das Fenster, in dem mich Euer Sohn erblickte und Gefallen an mir fand. Ja, er hing, weiß Gott, an meinem Zopf. Sein Gewicht trug ich mit Haaren und Leib!
Und als er blind in der Wüste irrte, da war es mein prächtiger Schopf, an den er sich klammerte, während ich unsere Kinder bei den Händen hielt. Mein langes Haar rettete uns aus der Not.

Ihr und Eure Lakaien habt ihm eingeredet, ich sei nicht gut genug für ihn. Was wusste ich auch schon von den Sitten und Gebräuchen bei Hofe. Für Euch war ich nichts als der Trampel aus dem Turm – dumm und zu nichts zu gebrauchen.
„Wie sieht es denn aus, wenn du dich mit so einer in königlicher Gesellschaft sehen lässt?“, fragtet Ihr ihn. Ich weiß es wohl, denn er hat es mir berichtet.
Auch die Früchte unserer Liebe waren Euch zuwider. „Exzellenz“ müssen die Kinder ihm sagen und nicht mehr „Vater“.
Und ich wurde zum Kebsweib, das Ihr verbergen müsst.
Seid Ihr stolz auf Euren Sohn, weil er tat, was Ihr von ihm verlangtet?
Seid Ihr stolz auf Euch, weil Ihr ihm mit dem Verlust der Krone drohtet, wenn er nicht von mir lassen könne?

Hinter dicken Mauern muss ich wieder mein Leben fristen. In einem Turmzimmer, nicht größer als jenes, in welchem ich meine Kindheit verbracht. Doch diesmal trugt Ihr Sorge dafür, dass die Welt dort draußen mich nie mehr erreiche. Das Haar ließet Ihr mir schneiden, damit niemand heimlich mein Zimmer erklimme.
Schaut Ihr mich deshalb nicht an?
Fühlt Ihr Euch unwohl, wenn Ihr mich so seht?
Wenn er heute rufen würde: „Rapunzel, lass dein Haar herunter!“, so könnte ich ihm nicht mehr dienlich sein.
Aber er ruft ja nicht mehr!
Wenn ich nach ihm frage, sagen mir Eure Diener, er sei ausgeritten. Und nun stehe ich vor Eurem Thron und ihr verkündet mir, mein Prinz habe eine neue Frau gefunden.
Schande, sage ich, Schande über Euch und Euren Sohn!
19.3.07 07:38


Wolf und Ratz

Es war einmal ein Ratz, der lebte mit seiner Familie glücklich und zufrieden in einer Wolfshöhle. Wenn der Wolf seine Höhle verließ, machten sich die Ratten geschwind über die Reste seiner Beute her und da der Wolf ein guter Jäger war, mussten sie nie Hunger leiden.
So kam es, dass die Rattenfamilie rasch größer wurde und der Wolf immer häufiger auf Jagd gehen musste.
Der Ratz war sehr zufrieden und brüstete sich gegenüber seiner Frau, wie gut er doch sie und die ständig wachsende Kinderschar versorgen könne.

Bald jedoch kam der Winter und der Wolf fand nicht mehr so viel Nahrung wie früher. Da musste auch die Rattenfamilie hungern.
Eines Tages sprach die Rättin: „Lieber Mann, hörst du nicht, wie unsere Kinder wehklagen, weil seit Tagen ihre Bäuche leer sind? So kann es nicht weitergehen. Sorge dafür, dass wir wieder genug zu essen bekommen oder du darfst nicht mehr zu mir in unser kuscheliges Nest!“

Dies machte den Ratz traurig, denn nichts auf der Welt liebte er so sehr wie seine Rättin. Daher nahm er allen Mut zusammen und kroch eines Abends zitternd aus seinem Versteck, während der Wolf in seiner Höhle schlief.
Er stellte sich vor ihm auf die Hinterbeine und rief: „Hey, du blöder Wolf! Meine Frau ist böse mit mir, weil du uns nicht genug zum Fressen bringst. Geh also rasch wieder auf die Jagd, damit ich zu meiner Frau ins Nest darf.“

Der Wolf öffnete ein Auge und blinzelte verblüfft auf das kleine Wesen, das vor ihm stand.
„Lass mich in Ruhe schlafen“, knurrte der Wolf, „was geht mich dein Sexualleben an? Ich war den ganzen Tag auf Jagd und bin jetzt müde.“
„Nein, nein, so geht das nicht“, empörte sich der Ratz. „wir sind noch hungrig. Du musst wieder raus und für uns etwas jagen!“
„Gar nichts muss ich“, knurrte der Wolf und schloss sein Auge wieder.
„Pah, du bist wohl zu alt und schwach geworden, um meine Familie zu ernähren. Da werde ich mir wohl einen neuen Wolf suchen müssen!“
„Tschüss“, antwortete der Wolf und ließ ein lautes Schnarchen von sich hören.
„Menno“, rief der Ratz wütend, „ich will endlich wieder zu meiner Frau ins Nest. Also steh gefälligst auf und geh jagen – oder… “
„Oder?“, fragte der Wolf.
„… oder ich hau dich. Ich kann nämlich Karate!“
Und der Ratz sprang aufgeregt um den Wolf herum und fuchtelte mit seinen Vorderbeinen.
„Musst du nicht etwas näher an mich herankommen, wenn du mich hauen willst?“, fragte der Wolf unbeeindruckt.
„Das kannst du gerne haben“, antwortete die Ratte, sprang direkt vor das Maul des Wolfes und holte aus.
Der Wolf indes schnappte im Halbschlaf kurz zu – und schon war der Ratz verschwunden.

Und die Moral von der Geschicht`:
Manchmal hilft Karate nicht!
17.3.07 14:55


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