Maerchenonkel

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Prinz Fliegenherz und der Mondstreit

In der Zeit der Finsternis und Unwissenheit lebten auf der Erde die merkwürdigsten Geschöpfe. Es gab Riesen und Zwerge, Trolle und Zauberer, Untote und Scheinheilige. Die seltsamsten Wesen aber waren die Schwarztrottel.

Die Schwarztrottel lebten verstreut in kleinen Gruppen, denn zwischen ihnen herrschte ein erbitterter Streit. Dabei ging es um die entscheidende Frage, ob der Mond am Firmament in Wahrheit eine faulige Weintraube oder ein verschimmelter Käse sei.

Die Verfechter beider Theorien standen sich spinnefeind gegenüber. Sobald sich zwei Schwarztrottel begegneten, war ihre erste Frage:
"Glaubst du, der Mond ist eine Weintraube oder ein Stück Käse?"
Gab der andere die Antwort, an die auch sein Gegenüber glaubte, nickten sich beide freundlich zu und wünschten sich einen guten Weg. Gab er jedoch die andere Antwort, führten sie einen erbitterten Zweikampf auf Leben und Tod.

Eines Tages nun wurde Prinz Fliegenherz geboren und die königlichen Wahrsager prophezeiten an seiner Wiege, er sei derjenige, der die Frage nach der Beschaffenheit des Mondes endgültig beantworten und das Volk der Schwarztrottel einigen könne.

Prinz Fliegenherz wuchs zu einem stattlichen und schönen Schwarztrottel heran, doch verspürte er in sich gar keinen Drang, das Rätsel des Mondes zu lösen. Weil sein Leben im Schloss so abwechslungsreich und kurzweilig war, fiel er stets erschöpft ins Bett, bevor der Mond am Himmel stand.

Eines Tages sprach sein Vater:
"Lange genug hast du die Annehmlichkeiten des Hofes genossen. Es ist nun Zeit, dass du endlich die Antwort auf die uns alle bewegende Frage herausfindest, wie es vorhergesagt wurde."
"Mich interessiert der Mond nicht", antwortete der Prinz, "ich weiß ja gar nicht, wie er ausschaut! Und an so einen Unfug wie Wahrsagerei glaube ich erst recht nicht.“
Der König blickte ihn streng an, wie dies bisweilen Art der Mächtigen ist.
„Wenn du mir nicht gehorchst, so werden Weinkeller, Küche und Palastdirnen für dich auf alle Zeiten verschlossen bleiben und dein Leben bei Hofe wird nur noch aus schwerer körperlicher Arbeit bestehen.“
Der Prinz fiel vor seinem Vater auf die Knie und flehte ihn an, doch der zeigte kein Erbarmen. Da seufzte Prinz Fliegenherz ergeben, nahm sein Bündel, ließ die persönliche Leibgarde und seine Dienerschaft antreten und befahl die Abreise aus dem Schloss.

Den Unbilden des Lebens außerhalb der Palastmauern ausgesetzt, irrte er mit seinem Tross durch das Land. Begegnete er anderen Schwarztrotteln, die nach der Beschaffenheit des Mondes fragten, so verdrehte der Prinz die Augen und stöhnte:
„Ja ja, ich suche doch schon nach der richtigen Antwort!“
Diese völlig neuartige Erwiderung überraschte die meisten Schwarztrottel sehr. Sie ließen ihre Waffen fallen und folgten dem Prinzen bereitwillig.

Fliegenherz hatte den Mond immer noch nicht mit eigenen Augen gesehen, denn nach den langen und ungewohnten Strapazen auf seiner Reise fiel er jedes Mal am Abend in einen fast todesähnlichen Schlaf. Befragte er neugierig seine Untergebenen, wie denn der Mond ausschaue, so erhielt er je nach deren Glaubenszugehörigkeit die Beschreibung einer Weintraube – oder eines runden Stücks Käse.
„So werde ich noch mein Leben lang unterwegs sein und doch nicht die Antwort finden“, dachte er mürrisch und sehnte sich nach den Annehmlichkeiten des Palastes zurück.

Da geschah es, dass er eines Nachts träumte, er ginge allein durch den Wald. Der Wind raschelte in den Zweigen und am dunklen Himmel stand – tja, das konnte er nicht genau erkennen.
Doch plötzlich sah er an einer Wegkreuzung einen alten Mann, der ihn freundlich anlächelte und flüsterte:
„Ich verrate dir, der Mond ist ein ...“
In diesem Moment erwachte Prinz Fliegenherz schweißgebadet.

Rasch sprang er auf, öffnete sein Zelt – und blinzelte in das klare Morgenlicht.
„Heute werden wir nicht weiter ziehen“, befahl er seiner Eingebung folgend, „denn ich weiß, wie wir vielleicht die entscheidende Frage aller Schwarztrottel lösen können!“
Begeistert ließ ihn sein Tross hoch leben.

Am Abend zog er mit seiner Gefolgschaft in den Wald. Immer wieder spähte er zu den Baumspitzen empor, in denen sich ab und zu ein Stück des gelben Nachtgestirns zeigte – doch nie so viel, dass der Prinz die volle Größe oder gar die Beschaffenheit des Mondes hätte erkennen können. So vergingen viele Stunden, bis sie plötzlich auf einen alten Mann trafen. Der saß auf einem Stein und trug nichts als einige wenige Fetzen an seinem Leib.

„Von ihm habe ich geträumt“, rief der Prinz aufgeregt, sprang von seinem Pferd und eilte dem Alten entgegen. Kaum hatte er ihn erreicht, umarmte er ihn überschwänglich und sprach: „Rasch, verrate mir, ist der Mond eine Weintraube oder ein Stück Käse?“

Der Alte blickte den Prinzen verwirrt an wie die meisten Wesen, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben einem Schwarztrottel begegneten. Dann besann er sich und sagte:
„Ich kann Euch leider diese Frage nicht beantworten! Aber nicht weit von hier gibt es eine Höhle, in der lebt ein Orakel, das die Antwort auf alle Fragen kennt, die jemals gestellt wurden oder noch gestellt werden.“
„Was ist ein Orakel?“, fragte der Prinz verwundert.
„Auch diese Frage wird Euch das Orakel beantworten“, gab der Alte grinsend zur Antwort. „Gebt mir nur hundert Goldmünzen und ich zeige Euch den Weg!“
Dies tat der Prinz bereitwillig.

Der Alte stand auf, zeigte mit dem Finger zu den hohen Tannen und sprach: „In diese Richtung müsst Ihr gehen, dann findet ihr nach tausend Schritten eine große Höhle. Dort lebt das Orakel und wartet auf Euch!“
„Warum führst du mich nicht hin?“, fragte der Prinz.
„Ich bin nur der Hüter des Orakels – und darf ihm nicht näher kommen als bis auf diese tausend Schritte. Außerdem ist das Orakel etwas ... hm, eigenwillig.“

Prinz Fliegenherz begnügte sich mit dieser Antwort und gab seinen Leuten den Befehl, ihm zu folgen. Bald standen sie tatsächlich vor einer Höhle, deren Inneres so finster war, dass niemand seiner Begleiter es wagte, sie zusammen mit dem Prinzen zu betreten.
„Nun gut“, sprach Fliegenherz, „ich werde allein hineingehen und das Orakel befragen. Ihr wartet hier, bis ich wiederkomme und euch seine Antwort verkünde!“

Vorsichtig tastete sich der Prinz an den zerklüfteten Wänden entlang in das Innere der Höhle. Seine Augen gewöhnten sich langsam an die tiefe Dunkelheit und er sah auf dem Boden einen geheimnisvollen grünen Nebel. Mit jedem Schritt tauchte er tiefer in den wabernden Schleier ein. Bald reichte dieser ihm bis zu den Knien, dann war er schon bis zu seiner Hüfte emporgestiegen.

Als Prinz Fliegenherz völlig von dem grünen Dunst eingehüllt war, ergriff Furcht sein Herz und er schrie laut:
„Herr Orakel, seid Ihr hier irgendwo?“
Ein furchtbares Kreischen wie aus den Mündern von hundert Wahnsinnigen ertönte, gleichzeitig erschien in der Nebelwand ein rot glühendes Augenpaar. Der Prinz erschauderte.
„Was willst du Missgeburt von mir?“, brüllte eine tiefe Stimme.
„Ich wollte Ihnen gerne eine Frage stellen, Herr Orakel.“
„Frage stellen, Frage stellen“, äffte ihn die Stimme nach, „und ich dachte schon, du bist hier zum Kacken reingekommen.“

Fliegenherz errötete und bemühte sich um eine einigermaßen passable Prinzenhaltung.
„Sagen Sie mir bitte, ob der Mond ein Stück Käse ...“
Ein dröhnendes Lachen erklang und ließ die Wände erzittern.
„Hör gut zu, Fliegenschiss der Volltrottel, ich weiß alles über den Mond. Aber dir verrate ich nichts davon! Blöd sterben sollst du – und alle deine affengesichtigen Nachkommen.“

Weiß vor Wut zog der Prinz sein Schwert.
„Sag mir sofort, was ich wissen will, oder ich töte dich!“
Wieder erklang das grauenhafte Lachen.
„Du bist ja noch blöder, als ich dachte! Dann zeig doch mal, wie du mich töten willst! Aber stich dich nicht selber dabei ab.“

Der Prinz fuchtelte wild mit seinem Schwert durch den grünen Vorhang und zerschnitt ihn in wolkige Fetzen, doch sonst gab es da nichts, was er hätte treffen können. Schweißgebadet und atemlos verharrte er nach einiger Zeit. In diesem Moment erblickte er plötzlich einen schemenhaften Umriss, der direkt vor ihm auftauchte. Rasch stach er zu.

Ein spitzer Schrei, wie ihn noch nie zuvor ein Schwarztrottel gehört hatte, gellte auf und vervielfachte sich als Echo. Dann stöhnte es heiser:
„Ich fass es nicht. Da hat mich dieser Trottel doch getroffen, verdammte Scheiße!“

Blitzartig lösten sich die Nebelfetzen auf und gaben den Blick auf das Innere der Höhle frei. Auf dem Boden lag eine schlammbraune Gestalt, die röchelnd teerartige Klumpen ausspie.
„Du hast mich besiegt, Prinz“, flüsterte sie, „jetzt muss ich deine bescheuerte Frage doch noch beantworten. Der Mond ist ...“

Die Stimme erstarb. Voller Entsetzen spürte Fliegenherz, wie ein heftiges Beben die Wände erzittern ließ. Felsbrocken fielen krachend von der Decke herab und wirbelten dichte Staubwolken auf. Er blickte noch einmal auf die Gestalt vor seinen Füßen, die sich langsam in eine übel riechende, schwarze Pfütze auflöste. Dann drehte er sich um und rannte wie von tausend wilden Hunden gehetzt zum Ausgang der Höhle.

Als der Prinz endlich ins Freie taumelte, blickte er sogleich in die erwartungsvollen Gesichter seiner Untertanen.
„Was hat das Orakel gesagt?“, stürmten sie auf ihn ein. Verzweifelt blickte er zum Himmel empor, doch der Mond war erneut hinter den hohen Tannen verschwunden.
„Er hat gesagt, der Mond ist ... ein Stück Käse“, keuchte Fliegenherz.
Ein lauter Jubel ertönte, die Hälfte seiner Männer riss triumphierend die Arme empor, während die andere Hälfte grimmig zu Boden schaute und bereits die Hand zum Schwert führte. „Und er hat gesagt, hinter diesem Stück Käse befindet sich noch eine Weintraube“, fügte er rasch hinzu.

Es wurde so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können, wenn es zu jener Zeit schon eine gegeben hätte. Erschöpft beobachtete Fliegenherz seine Gefolgschaft und vernahm das laute Pochen seines Herzens. Im nächsten Moment brandete ein einziger Begeisterungsschrei auf und seine Männer lagen sich lachend und weinend in den Armen. Einige stürzten auf den Prinzen zu und hoben ihn auf ihre Schultern. „Er ist beides, er ist beides“, riefen sie begeistert im Chor.

Einige Tage später war Prinz Fliegenherz mit seinem Gefolge zum Schloss zurückgekehrt. Jubelnd wurden sie von allen empfangen und man gab ihnen zu Ehren ein großes Fest. Als jedoch der Mond aufging, lag der Prinz schon selig schlafend in seinem Bett.

Prinz Fliegenherz zu Ehren feierten die Schwarztrottel noch lange Zeit ihre Einigung und steckten in Erinnerung an jenes historische Ereignis kleine Käsestücke und Weintrauben auf einen Spieß. Und noch heute sollen dies die Nachfahren der Schwarztrottel bei abendlichen Veranstaltungen beibehalten haben.
17.3.07 14:41


Heldenhaftes

Im Lande Oberbürokratien lebte einst ein junger Paragrafenreiter namens Siegfried. Jeden Morgen um sieben Uhr stand er auf, sattelte seinen Amtsschimmel und trabte im feinsten Paragrafengewand zur Arbeit.

Eines Tages jedoch war große Unruhe in Oberbürokratien, denn ein Feuer speiender Drache hatte Prinzessin Tausendschön entführt. Der König rief alle tapferen Männer auf, seine Tochter aus den Klauen des Drachen zu befreien und versprach ihnen dafür sein halbes Königreich und eine feste Anstellung auf Lebenszeit als königlicher Oberbeamter.

Siegfried las eifrig in den dicken Gesetzbüchern, studierte alle Ausführungsbestimmungen, nahm eine besonders spitze Schreibfeder und beschrieb rasch drei Seiten Papier, ohne einen einzigen Tintenklecks zu hinterlassen. Dann packte er alles in eine Satteltasche und ritt mit seinem Pferd zur Drachenhöhle.

Als er bei der Höhle ankam, lagen dort schon die unzähligen Leichen derer, die der Drache getötet hatte. Siegfried aber stieg unbeirrt von seinem Pferd und schritt mutig zum Eingang der Drachenhöhle. Ein Gestank von Schwefel und Fäulnis drang zu ihm. Siegfried rief hustend:
„Herr Drache, sind Sie zu Hause? Ich muss Ihnen eine Verfügung zustellen!"

Ein Stöhnen war aus der Höhle zu hören, dann folgten schwere Schritte. Schließlich streckte der Drache seinen schuppigen Schädel hervor und brummte:
„Was ist denn jetzt schon wieder los?"
Siegfried erschauderte, doch umfasste er tapfer das beschriebene Papier und sprach:
„Wie mir bekannt ist, stoßen Sie in unregelmäßigen Abständen Rauchwolken aus. Nach § 17 der königlichen Feuerverordnung ist es aber für das Betreiben einer Feuerstelle zwingend erforderlich, die hierbei entstehenden Abgase durch einen Abzug ins Freie zu leiten."
Der Drache warf ihm einen verwirrten Blick zu.
„Was soll ich …?"
„Wenn Sie Rauch in ihre Umwelt abgeben wollen, brauchen Sie dafür einen Schornstein."
Der Drache dachte einige Zeit über die Worte Siegfrieds nach, dann funkelten seine Augen wütend, weißer Schaum trat aus seinem Maul und er schrie:
„Willst du Winzling mir etwa sagen, ich soll mir einen Schornstein auf meine Nüstern binden?"
„Ähm, völlig richtig. Und um Ihr Maul müsste auch noch ..."
„Was geschieht denn, wenn ich das nicht tue?", zischte der Drache giftig und schritt drohend auf Siegfried zu.
„Dann …, dann müsste ich Ihre Feuerstelle stilllegen", stotterte Siegfried, hielt die beschriebenen Seiten wie zum Schutz vor sein Gesicht - und fiel mit einem leisen Ächzen in Ohnmacht.
„Den Quatsch muss ich mir mal angucken", sagte der Drache und riss Siegfried die Verfügung aus der Hand. Als er alles gelesen hatte, schüttelte er verächtlich den Kopf und schnaubte:
„Weißt du, was ich mit deinem Schreiben mache? Ich fresse es auf - und dann fresse ich dich auf!"
Er knüllte das Papier zusammen und steckte es in sein Maul. Genüsslich schluckte er es herunter, dann leckte er sich mit der Zunge über sein Maul. Im selben Moment aber verspürte er einen stechenden Schmerz in seinem Rachen. Verzweifelt und mit heraustretenden Pupillen versuchte er, die Verfügung wieder hervorzuwürgen, doch es gelang ihm nicht.
Die Büroklammer, die alle drei Seiten zusammenhielt, hatte sich gelöst und war mit dem Papierknäuel in seinem Rachen stecken geblieben. Je mehr der Drache sich bemühte, alles wieder auszuspucken, desto tiefer drang das spitze, abstehende Ende der Büroklammer wie ein Widerhaken in seinen Hals. Der Drache lief blau an, stieß eine letzte Rauchwolke aus und erstickte kläglich.

Als Siegfried erwachte, blickte er in das glückliche Gesicht von Prinzessin Tausendschön.
"Du bist mein Held und Retter", jauchzte sie und bedeckte seine Wangen mit Küssen.
"Ich?", fragte Siegfried verblüfft.
"Aber ja", antwortete die Prinzessin, "der Drache ist tot, also musst du doch mein Retter sein!" Da strahlte auch Siegfried. Gemeinsam stiegen sie auf seinen Amtsschimmel und ritten zum Schloss.

Der König empfing sie mit offenen Armen und bald war ihre Hochzeit gerichtet. Und wenn sie nicht gestorben sind, so ist Siegfried immer noch königlicher Oberbeamter.
17.3.07 14:39


Die Mär vom unverdienten Pech

Gräfin B., stolze Mätresse des Königs und Zentrum allen gesellschaftlichen Lebens, hatte zu einer ihrer berühmten Soireen geladen. Nicht nur die zu erwartende Küche war vom Feinsten – als Förderin der gehobenen Künste und des Geistes liebte sie es, sich mit den Gelehrten ihres Landes an einen Tisch zu setzen und akademische Plaudereien über Gott und die Welt zu führen.

In jenen Tagen schien ihr das Schicksal besonders gewogen, denn ein berühmter Philosoph aus dem Nachbarland hatte seine Aufwartung bei Hofe gemacht und Gräfin B. versäumte es nicht, ihn als Ehrengast zu ihrer Veranstaltung einzuladen.
Man erhoffte Esprit und geschliffene Rede, doch der Philosoph gab sich ungewöhnlich wortkarg und sprach mehr dem Essen als der Gesellschaft bei Tische zu, die ihn teils ehrfürchtig, teils spöttisch beäugte.

Als das Mahl beendet und man sich zwecks anregender Konversation in den Salon zurückzog, lächelte die Gräfin ihrem Ehrengast aufmunternd zu und sagte:
„Verratet uns doch, werter Herr Philosoph, wie gefällt es Euch in unserem Land?“
Dieser ließ drei graue Ringe aus Zigarrenqualm in die Parfüm geschwängerte Luft aufsteigen und blickte ihnen gedankenverloren nach. Als niemand noch eine Antwort von ihm erwartete, sprach er mit hoher Fistelstimme:
„Es ist hier anders als bei uns.“
„Welch putzige Bemerkung“, erwiderte B. irritiert und kicherte nervös, „meint Ihr, auf eine bessere – oder auf eine schlechtere Art anders?“

Ihr Ehrengast blickte ernst in die Runde.
„Für Euch und Euresgleichen ist dieses Land sicher besser als meines je sein könnte. Doch bin ich auf meiner Reise vielen Menschen begegnet, denen es hier schlechter geht als in meinem Reich.“
Ein Raunen ging durch die Gesellschaft, die Gräfin schüttelte missmutig über diesen Affront den Kopf und antwortete spitz:
„Ich kenne nicht die Besonderheiten Eures Landes, werter Herr Philosoph, aber bei uns kann sich niemand über sein Leben beklagen, wenn er nur fleißig und rechtschaffend seine Arbeit verrichtet.“
„Dies mag sein. Doch wie geht es jenen, die unverdient in Not geraten und sich selber nicht mehr aus ihrer Lage befreien können? In Eurem Land sind die Straßen voll von Bettlern und Heimatlosen. Wann immer ich an einem Ort aus meiner Kutsche aussteige, bin ich sofort von Hungernden und Kranken umzingelt, die sich vor mir auf den Boden werfen und um ein Stück Brot betteln.“
„So ein Gesindel gibt es überall“, warf ein General aus der zweiten Reihe wütend ein und stocherte mit dem Gehstock in Richtung seines Vorredners, „wie oft habe ich schon den König darum gebeten, man solle jedem, dessen man habhaft werden kann, den Kopf abschlagen. Dann wären unsere Straßen bald frei von Taugenichtsen und Diebesgesindel.“
Der Philosoph lächelte sanft: „Glaubt Ihr wirklich, mit dieser Maßnahme das blindwütige Schicksal, welches jeden von uns treffen kann, aufzuhalten?“
„Papperlapapp“, rief die Gräfin entsetzt, „jeder bekommt das, was er verdient! Wir alle hier haben dem König und unserem Land auf ehrenvolle Weise gedient und wurden entsprechend belohnt.“
„So glaubt Ihr nicht an Pech oder Unglück, die unabhängig von Verdiensten und redlichen Bemühungen jedes Haus treffen können?“
B. schüttelte heftig den Kopf, der General erwiderte vehement: „Pech und Unglück sind nur Ausreden für Verlierer. Das Glück ist mit den Tüchtigen wie das Pech mit den Versagern.“

Die Augen des Philosophen blitzten.
„Wenn Ihr Euch so gefeit gegen das Schicksal fühlt, dann fordert doch das Unglück heraus und ladet es zu Eurer nächsten Soiree ein. Ich bin sicher, es würde gerne Eurer Einladung folgen.“
Der General erblasste, die Gräfin jedoch lachte laut und rief: „Das ist ein wundervoller Gedanke! Ich glaube, sogar der König würde uns mit seiner Anwesenheit erfreuen, wenn ich das leibhaftige Unglück zu Besuch habe. Aber wie soll ich denn meine Einladung dem Unglück zukommen lassen?“
„Keine Sorge“, antwortete der Philosoph, „ich bin mir sicher, es hat schon in diesem Moment von Eurer Einladung erfahren. Und wenn Ihr es erlaubt, wäre ich auch gerne anwesend, wenn das Unglück in Eurem Haus seine Aufwartung macht!“
„Oh ja“, rief Gräfin B., „dann werdet Ihr mit eigenen Augen sehen, dass es uns nichts anhaben kann!“

Vier lange Wochen vergingen, bis sich die Gesellschaft erneut bei Gräfin B. treffen sollte. Der König, der sofort Kunde von der Einladung dieses außergewöhnlichen Gastes erhalten hatte, blieb der geplanten Soiree trotz heftigen Flehens der Gräfin fern.
„Ein weiser Herrscher darf niemals das Unglück herausfordern oder sich gar an einen Tisch mit ihm setzen“, mahnten seine Berater und so folgte er trotz aller Neugier ihrem Rat.

Die Gräfin indes, der königlichen Anwesenheit beraubt, kamen plötzlich Zweifel, ob der geplante Ehrengast überhaupt in ihrem Haus erscheinen würde. Vielleicht hatte sich der Philosoph aus dem Nachbarland nur einen Scherz erlaubt und es gab das Unglück als Wesen gar nicht. Und wenn es doch irgendwo auf der Welt hausen sollte, hatte es dann wirklich von der Einladung der Gräfin erfahren? Vielleicht würde es das Unglück auch gar nicht wagen, in ihr Haus zu kommen – war es doch nur den Umgang mit dem einfachen Volke gewohnt und besaß wohlmöglich keine passende Kleidung, um sich auf eine solche Soiree zu wagen. Ja, das würde bestimmt die Anwesenheit des Unglücks verhindern.

Eines Tages hörte die Gräfin von ihrer Zofe, dass deren Nachbar vom Schicksal hart getroffen sei. Kind und Frau seien dem armen Mann weggestorben und er wäre nun völlig am Boden zerstört von dem Unglück, welches so plötzlich in sein Haus eingebrochen sei.
Die Gräfin war hocherfreut:
„So wohnt das Unglück nun in deiner Nähe?“
Die Zofe erblasste: „Bei Gott, es ist so und ich hoffe nur, dass es sich nicht auch noch in mein Haus verirrt!“
„Wie wunderbar“, rief die Gräfin, stürzte zu ihrem Schreibtisch und schrieb rasch einen Brief, „lauf zu deinem Nachbarn und sag ihm, er solle diese Einladung dem Unglück persönlich überreichen. Weißt du denn, wie das Unglück ausschaut? Ist es ein Mann oder eine Frau?“
„Ich weiß es nicht und möchte es auch gar nicht wissen, Herrin.“
„Wie dumm du bist“, entgegnete B. verärgert, „aber du wirst schon deinen Grund haben, das Unglück zu fürchten. Bring deinem Nachbarn noch dieses Kleid von mir und ein Männergewand aus meiner Kleiderkammer, damit es sich anständig kleiden kann zu meinem Fest. Und berichte mir, welche Antwort das Unglück deinem Nachbarn gegeben hat!“

Am Morgen des zweiten Tages, nachdem die Gräfin ihr den Auftrag erteilt hatte, erschien die Zofe mit verweinten Augen und berichtete, man habe den Nachbarn erhängt in seiner Scheune gefunden.
„Wie kann er es nur wagen, sich sein erbärmliches Leben zu nehmen, bevor er meine Einladung weitergegeben hat?“, zeterte die Gräfin.
Die Zofe überreichte ihr mit zitternder Hand einen zerknüllten Zettel und seufzte:
„Dies hat man bei ihm gefunden und mir aufgetragen, ich soll es Eurer Gnaden geben.“
Rasch faltete B. den Zettel auseinander und las:
[i]Sagt Gräfin B., das Unglück sei erfreut über Ihre Einladung und werde bei Ihr erscheinen.[/i]

Die Gräfin jubilierte.
„Endlich kann ich all meinen Freunden verkünden, dass mein Ehrengast wirklich zu dem Fest kommen wird! Geh rasch nach Hause und sag dem Unglück, ich danke ihm herzlichst für seine Zusage.“
Bleich erwiderte ihre Dienerin: „Fordert nicht das von mir, ich möchte dem Unglück weder begegnen noch es unter meinem Dache wissen.“
„Oh, das wirst du aber“, sprach B. lächelnd, „denn ich werde dich noch in dieser Stunde mit Schimpf und Schande aus meinem Hause jagen, damit dich das Unglück heute Abend aufsuchen kann.“

Rasch sprach sich im Land herum, dass zur nächsten Soiree der Gräfin das Unglück persönlich sein Kommen angekündigt habe. Man bewunderte den Mut der Gräfin und manch einer beneidete sie sogar um diesen Erfolg, doch gleichzeitig sannen die meisten ihrer Gäste fieberhaft darüber nach, wie sie einer Begegnung mit dem Unglück entgehen konnten.

Als endlich das von B. ersehnte Fest begann, fuhren nur wenige Kutschen mit Eingeladenen auf den Hof ihres Hauses. Man scherzte und trank sehr viel und jedes Mal, wenn einer der Diener die Tür zum Salon öffnete, fuhren die Köpfe der Anwesenden herum und ein kurzer Moment eisigen Schweigens trat ein.

Als es endlich Mitternacht schlug, sprach der General sichtlich erleichtert: „Ich habe doch gleich gewusst, dass sich das Unglück nicht unter unseresgleichen wagt! Was sagt ihr nun, Herr Philosoph?“
Der schwieg errötend, während die Gräfin trunken kicherte und aufgeregt rief:
„Ich hätte ja doch zu gerne gewusst, wie das Unglück nun wirklich ausschaut. Aber es wusste wohl, dass es besser war, uns seinen Anblick zu ersparen. Wie dumm doch all jene waren, die sich vor lauter Furcht mein Fest entgehen ließen. Sie werden wohl zu Recht das Erscheinen des Unglücks gefürchtet haben.“
Der General erhob sich schwankend von seinem gepolsterten Stuhl, stieß seinen Stock wie einen Säbel in die Höhe und befahl:
„Kopf ab – allen Feiglingen den Kopf abschlagen!“
Während die wenigen Anwesenden in lautes Grölen ausbrachen, öffnete sich leise die Tür.
26.1.07 06:41


Von guten Vorsätzen und ihrer Umsetzung

„Viele gute Vorsätze habe ich für das neue Jahr gefasst“, sprach das Schaf mit leuchtenden Augen.
„Ich möchte mit den anderen auf der Weide gut auskommen und für sie da sein, wenn sie einmal meine Hilfe benötigen. Außerdem will ich nicht immer gleich meckern, wenn mir etwas nicht passt. Meinen eigenen Weg möchte ich finden und nicht nur den anderen blind hinterherlaufen.“
Etwas verschämt fügte das Schaf hinzu: „Und ich möchte mich ein wenig begnügen mit dem Gras, das ich finde und nicht mehr so viel fressen. Und was hast du dir vorgenommen?“
„Mehr blöde Schafe fressen“, brummte der Wolf.
17.1.06 21:39


Rückkehr

?Aber es sind doch wirklich nur meine Freunde?, schluchzte die junge Frau.
?Nenne es, wie du willst, aber ich will nicht, dass du dich hinter meinem R?cken mit anderen M?nnern triffst!?, br?llte ihr Ehemann.
?Du kannst mir das gar nicht verbieten. Au?erdem kenne ich sie schon viel l?nger als dich.?
Ihr Mann gab nicht nach: ?Ich bin ja schon das Gesp?tt der ganzen Umgebung. Du musst dich entscheiden ? entweder sie oder ich!?
Sie warf mit lautem Krachen die T?r zu und verschwand.
Einige Zeit sp?ter stand Schneewittchen mit gepackten Koffern wieder vor dem Haus der sieben Zwerge und klopfte zaghaft.
17.1.06 21:37


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