Maerchenonkel

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Die Klage der Rapunzel

Sagt mir, Frau Königin, seid Ihr stolz auf die Erziehung Eures Sohnes?
Habt Ihr ihm alles beigebracht, was für einen zukünftigen Herrscher vonnöten ist?
Dass man zum Beispiel das Recht und die Menschen in seiner Nähe achte!
Bin ich denn als Gattin und Mutter seiner Kinder ohne Wert, da er mir jeglichen Respekt und das eheliche Recht verweigert?

Warum schaut Ihr mich nicht an, wenn ich mit Euch spreche?
Ich weiß, Ihr mögt mich nicht. Eine Dahergelaufene bin ich in Euren Augen, eine unwürdige Gespielin für Euren Sohn. Jemand, den er nur an den Haaren herbeigeschleppt habe, wie Ihr Euch zu scherzen erlaubtet.

Und doch liebte ich ihn und er liebte mich, als wir uns noch im Geheimen trafen, voller Sehnsucht und Furcht, es könne uns die Zauberin Gothel überraschen.
Damals war er jede Nacht bei mir. Am Abend ließ ich mein Haar hinab, damit er zu mir heraufsteigen konnte. Und jeden Morgen ließ ich ihn wieder hinunter, nachdem wir uns unter Tränen verabschiedet und er mir ewige Treue schwor.

Ach, wie jung ich war und unwissend. Er war der Erste, der mein abgeschiedenes Verließ betreten durfte und der Einzige, dem ich meine Wärme und Zärtlichkeit schenkte.
Ihr glaubt es mir nicht, aber mir war es einerlei, ob er nun Prinz war oder Bettler.

War ich denn nicht schon im Mutterleib verloren, da mich die Eltern eintauschten gegen Salat? Und war ich nicht erst recht verloren, als ich, der Welt und allen Menschen entrückt, aufwuchs zwischen dicken Mauern wie eine Gefangene, die keine Schuld in sich trägt?
Oh, welche Qual, aus dem Turmfenster dem Treiben der Menschen zuzuschauen, die so nah und doch unerreichbar fern. Wusste die Alte denn nicht, was sie tat? Sie ließ mir das Fenster, damit ich das Leben schauen, aber nicht davon kosten könne.

Nein, sie war nicht schlecht. Ihre Nachbarn fürchteten sie und waren ungerecht und boshaft zu ihr. So wollte sie mich schützen vor dieser Welt und erhob mich über alle hinweg, damit ihre Niedertracht mich nicht erreichte. Ach, hätte sie mir doch auch das Fenster genommen!

Das Fenster, in dem mich Euer Sohn erblickte und Gefallen an mir fand. Ja, er hing, weiß Gott, an meinem Zopf. Sein Gewicht trug ich mit Haaren und Leib!
Und als er blind in der Wüste irrte, da war es mein prächtiger Schopf, an den er sich klammerte, während ich unsere Kinder bei den Händen hielt. Mein langes Haar rettete uns aus der Not.

Ihr und Eure Lakaien habt ihm eingeredet, ich sei nicht gut genug für ihn. Was wusste ich auch schon von den Sitten und Gebräuchen bei Hofe. Für Euch war ich nichts als der Trampel aus dem Turm – dumm und zu nichts zu gebrauchen.
„Wie sieht es denn aus, wenn du dich mit so einer in königlicher Gesellschaft sehen lässt?“, fragtet Ihr ihn. Ich weiß es wohl, denn er hat es mir berichtet.
Auch die Früchte unserer Liebe waren Euch zuwider. „Exzellenz“ müssen die Kinder ihm sagen und nicht mehr „Vater“.
Und ich wurde zum Kebsweib, das Ihr verbergen müsst.
Seid Ihr stolz auf Euren Sohn, weil er tat, was Ihr von ihm verlangtet?
Seid Ihr stolz auf Euch, weil Ihr ihm mit dem Verlust der Krone drohtet, wenn er nicht von mir lassen könne?

Hinter dicken Mauern muss ich wieder mein Leben fristen. In einem Turmzimmer, nicht größer als jenes, in welchem ich meine Kindheit verbracht. Doch diesmal trugt Ihr Sorge dafür, dass die Welt dort draußen mich nie mehr erreiche. Das Haar ließet Ihr mir schneiden, damit niemand heimlich mein Zimmer erklimme.
Schaut Ihr mich deshalb nicht an?
Fühlt Ihr Euch unwohl, wenn Ihr mich so seht?
Wenn er heute rufen würde: „Rapunzel, lass dein Haar herunter!“, so könnte ich ihm nicht mehr dienlich sein.
Aber er ruft ja nicht mehr!
Wenn ich nach ihm frage, sagen mir Eure Diener, er sei ausgeritten. Und nun stehe ich vor Eurem Thron und ihr verkündet mir, mein Prinz habe eine neue Frau gefunden.
Schande, sage ich, Schande über Euch und Euren Sohn!
19.3.07 07:38
 



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