Maerchenonkel

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Unter Verdacht

So glauben Sie mir doch, Herr Kommissar: Ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun – und meine Mitbewohner auch nicht!
Natürlich ist mir klar, was Sie jetzt denken und wenn ich ehrlich bin: Mir würde es an Ihrer Stelle ja nicht anders gehen. Sieben Männer leben mit einer Frau zusammen unter einem Dach weit weg von jeglicher Zivilisation und plötzlich ist die Frau mausetot. Da muss es ja einer von uns sieben gewesen sein. Aber so war es nicht, Herr Kommissar, das schwöre ich!

Ich weiß auch nicht, wie das alles geschehen konnte. Wir kamen eines Tages nach Hause, müde und kaputt von der Schicht im Bergwerk – und da war sie. Hatte sich einfach in unser Haus geschlichen, die Speisekammer aufgebrochen, etwas gegessen und getrunken und wir fanden sie schnarchend in einem unserer Betten. Hätte vor uns plötzlich ein großer Sack mit Gold gestanden, wären wir sicherlich nicht verwunderter gewesen.
Mein Gott, wie zerbrechlich und unschuldig sie ausschaute, da konnte man das junge Ding doch nicht einfach wieder vor die Tür setzen – das hätten Sie auch nicht getan, Herr Kommissar! Am ersten Abend ist ja auch noch gar nichts zwischen uns passiert.

Als wir dann am nächsten Morgen nach dem Frühstück zur Arbeit aufbrechen wollten, fing es an. Auf einmal meinte Heini, er habe so furchtbare Bauchschmerzen, ihm sei ganz übel und er könne nicht mit. Wir anderen waren ja nicht von gestern und sagten ihm: „Entweder wir gehen alle zur Arbeit oder keiner von uns!“

Am Abend wurde es dann noch schlimmer. Jeder scharwenzelte um sie herum: Prinzessin hier, Prinzessin da!
So habe ich meine Kumpel noch nie erlebt. Klar, wir hatten schon seit Jahren keine Frau mehr gesehen, geschweige denn angefasst. Immer jeden Tag nur die schwere Arbeit und kein Vergnügen, da steht man schon unter einem gewissen Druck. Wenn sieben Männer auf engstem Raum zusammen leben, herrscht natürlich nicht nur eitel Sonnenschein. Aber jetzt schien alles hervorzubrechen, was sich jahrelang angestaut hatte. Dass wir uns nicht gegenseitig an die Gurgel gegangen sind, ist für mich heute noch ein Wunder.

In der folgenden Nacht konnte niemand von uns richtig schlafen. Wir haben uns gegenseitig belauert, ob nicht einer von uns zu ihr hinüber will und sein Glück probieren möchte. Wenn einer die Augen schloss, wussten wir anderen genau, er tat nur so, als wolle er schlafen – und waren besonders wachsam.
Mein Gott, jeder von uns wollte doch zu der Kleinen ins Bett.

Drei Tage und drei Nächte ist das so gegangen, dann konnten wir nicht mehr. Wir sahen doch schon alle wie der lebendige Tod aus. Also haben wir uns zusammengesetzt und die Sache vernünftig miteinander besprochen. Dieses ständige Konkurrenzgehabe und Gockelverhalten ging halt jedem von uns mächtig gegen den Strich. Immerhin waren wir doch richtige Männer, da muss man schon mal ein offenes Wort miteinander wechseln können. Wir haben uns ja dann auch sehr schnell geeinigt.
„Hör zu“, haben wir dem Mädchen gesagt, „entweder jeder darf mit dir oder du musst das Haus sofort verlassen, damit wieder Ruhe einkehrt!“

Ach, hat die sich angestellt. Erst tat sie so, als würde sie gar nicht begreifen, worum es überhaupt ging. Dann hat sie herumgeheult und geschrieen, sie hätte noch nie mit einem Mann zuvor und sie würde das auch nicht mit uns machen wollen. Wir könnten doch nicht einfach guten Gewissens von ihr fordern, sie müsse für ein Dach über dem Kopf ihre Jungfräulichkeit opfern.
Da hat einer von uns die Tür aufgerissen und sie angeschnauzt:
„Dann pack deine Siebensachen und verschwinde.“

Gebettelt und gejammert hat sie, allein würde sie doch im Wald umkommen, außerdem habe ihr schon einer nach dem Leben getrachtet ….
Jawohl, Herr Kommissar, jetzt kann ich mich wieder ganz genau daran erinnern. Sie hatte von einem Jäger gesprochen, der hinter ihr her gewesen sein soll! Vielleicht ist er es ja gewesen, der sie getötet hat. Und Stress mit ihrer Stiefmutter soll sie auch gehabt haben. Verhören Sie die doch mal. Aber nein, an solch hohe Herrschaften trauen Sie sich ja nicht heran, da werden immer nur wir Kleinen verdächtigt und eingebuchtet.

Na ja, es ist nicht so leicht, wenn ein junges Ding vor einem sitzt und Rotz und Wasser heult. Aber wir sind knallhart geblieben. Immerhin ging es doch darum, wieder Frieden in unser Haus zu bekommen, da ist einem das eigene Hemd schon näher als der fremde Rock. Schließlich ist sie dann auch ganz still geworden und hat unserem Handel zugestimmt. Sie könne sich ja doch nicht gegen uns wehren, hat sie gemeint, sie sei halt nur eine schwache Frau und so ein Kram. Aber das war uns egal.
Wir hatten doch auch schon eine Reihenfolge aufgestellt, wer als Erster darf und wer als Nächster kommt. Sollte ja keiner benachteiligt werden.

Sie hat sich dann auch gleich bereitwillig auf ihr Bett gelegt und wir sind an diesem Tag nicht mehr zur Arbeit gegangen.
Wenn Sie mich fragen, Herr Kommissar, dann hat die Kleine mit der Zeit schon ihren Gefallen daran gefunden. Und nachdem diese Angelegenheit endgültig vom Tisch war, konnten wir Männern auch wieder vernünftig miteinander umgehen. Nur das mit der Reihenfolge war halt eine blöde Idee gewesen.

Ich war immer als Letzter dran. Wissen Sie, wie quälend das ist, wenn man jede Nacht mit anschauen muss, wie sich sechs Männer vor einem bedienen und man selber stundenlang warten muss, bis man endlich darf? Immer wieder habe ich die anderen angebettelt, wir sollten doch jeden Tag die Reihenfolge neu auslosen, ich wolle schließlich auch einmal die Chance haben, als Erster….

Aber da war beim besten Willen nichts zu machen. Ausgemacht ist ausgemacht, haben die anderen gesagt. Die mussten ja auch nicht zu ihr, wenn das Laken schon lustfeucht war und sie bereits halb wegduselte. Nee, ein Vergnügen war das für mich nun wirklich nicht.

Aber ich konnte mich allein gegen die anderen nicht durchsetzen. Und Letzter zu sein war immer noch besser als gar nicht zu dürfen. Was schauen Sie mich so entsetzt an, Herr Kommissar? Ich sag Ihnen, jeder hätte in dieser Situation so gehandelt wie wir. Männer sind und bleiben eben Männer.

An einem vergifteten Apfel ist sie erstickt? Wenn das Ihre Fachleute herausgefunden haben, wird es wohl schon so seine Richtigkeit haben. Aber ich bin mir sicher, von uns hat ihr keiner diesen Apfel gegeben. Ich zumindest habe es nicht getan. Suchen Sie doch diesen Jäger, der hinter ihr her war. Da brauchen Sie gar nicht so zu grinsen und von dem großen Unbekannten reden. Manchmal ist es eben so, dass eins und eins nicht immer gleich zwei ergeben. Außerdem will ich jetzt endlich meinen Anwalt sprechen.

Warum sollte denn einer von uns sie umgebracht haben? Klar haben Sie bei uns Gift im Keller gefunden. Das hat doch ein jeder im Haus, wenn er sich mit Ratten und anderem Ungeziefer herumquälen muss. Das ist doch noch gar kein Beweis. Und auch wenn der Apfel von einem Baum in unserem Garten stammen könnte, beweist das nichts. Diese Sorte gibt es doch überall hier in unserer Gegend. Mal ehrlich, warum hätte denn einer von uns ihr etwas antun sollen? Wir haben doch bekommen, was wir wollten.

Wenn ich ein Motiv habe, dann haben alle anderen auch ein Motiv! Natürlich war ich nicht ganz frei von Eifersucht, das war niemand von uns. Den einen hat sie halt lieber gemocht und den anderen nicht so sehr. Mir ist sie ja die meiste Zeit aus dem Weg gegangen, ich weiß auch nicht, was sie gegen mich hatte. Dabei mochte ich sie wirklich gern. Jede Nacht musste ich erleben, wie sie bei den anderen lustvoll stöhnte, sich ihnen ganz und gar hingab. Nur bei mir machte sie ständig ihre Zicken.

So so, die anderen haben Ihnen also erzählt, sie wollte nicht mehr mit mir. Das stimmt wohl. Diese verdammte Schlampe hat meinen Mitbewohnern vorgelogen, sie würde sich vor mir ekeln. Sie könne einfach mit mir nicht mehr dasselbe tun wie mit ihnen. Gebettelt hat sie, sie sollten es nicht mehr zulassen, dass auch ich in ihr Bett dürfte. Die wollte doch bloß einen Keil zwischen uns treiben, aber das haben die anderen einfach nicht begriffen.
„Wir haben eine Abmachung miteinander, daran müsst ihr euch halten und sie auch“, habe ich gebrüllt.
„Lass gut sein“, haben sie gemeint, „lass sie einfach in Ruhe, sie will halt nicht mit dir!“
Dabei stimmte das gar nicht. Sie hat mich sehr wohl lieb gehabt, lieber als die anderen, ganz bestimmt. Immer wieder habe ich ihr angeboten, wir könnten doch zusammen fortgehen – nur wir beide. Aber sie wollte nicht.
Mein Gott, man kann doch nicht einfach eine feste Vereinbarung zwischen sieben Männern brechen, das gehört sich nicht!

Wissen Sie was, Herr Kommissar – ich sag jetzt gar nichts mehr! Ich will endlich mit meinem Anwalt sprechen. Aus mir bekommen Sie nichts mehr heraus!
6.3.09 10:58
 



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