Maerchenonkel

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Eine Hexenliebe

Vor langer Zeit lebte in der Stadt „Ichweißnichtwo“ eine Hexe namens Ramonia. Mit ihren 128 Jahren war Ramonia gerade im allerbesten Hexenalter, als etwas Schreckliches geschah: Sie verliebte sich Hals über Kopf in einen jungen Mann!

Kaum hatte sie ihn zum ersten Mal auf dem Markt der Stadt gesehen, war sie sofort rettungslos seinen blauen Augen verfallen. Er jedoch hatte für die kleine, bucklige Frau, die an seinem Stand nach einem Bündel Petersilien suchte und ihn mit trübem Blick anhimmelte, nur ein geschäftsmäßiges Lächeln übrig. Aber dies genügte Ramonia, um felsenfest davon überzeugt zu sein, auch er habe Gefallen an ihr gefunden.

Seit dieser Zeit konnte sie nichts mehr essen, wollte weder das Vieh noch die Felder ihrer Nachbarn verzaubern und blieb sogar den monatlichen Treffen der örtlichen Hexengruppe fern. Immerzu beschwor sie in ihrer magischen Kristallkugel nur das Gesicht des ahnungslosen Geliebten, um es verträumt anzublicken und ab und zu einige tiefe Seufzer auszustoßen.

Eines Abends polterte und rumpelte es so gewaltig in dem Schornstein ihres Hauses, dass Ramonia erschrocken vom Stuhl hochfuhr. Überrascht starrte sie in das Gesicht von Oberhexe Camelia, die kopfüber aus dem Rauchfang purzelte und dabei von einer riesigen Rußwolke eingehüllt wurde.
„Du könntest ruhig einmal wieder deinen Kamin kehren!“, grummelte Camelia mit zahnlosem Mund und strich über ihren leicht verbogenen Besen.

Ramonia errötete, verbeugte sich tief und stotterte: „Herzlich Willkommen, geliebte Grässlichkeit! Es ist mir eine Ehre …“
„Blablabla, schon gut, schon gut!“, grinste die Hexenmeisterin, „wir wollen doch nicht so förmlich sein. Ich bin nur vorbei geflogen, um zu schauen, wie es dir geht. Ich dachte, du bist vielleicht krank! Aber so krank schaust du gar nicht aus, mein Täubchen.“
Ramonia schluckte schwer, dann liefen dicke Tränen über ihre Wangen.
„Ich bin aber krank! Sehr krank sogar“, schluchzte sie, „ich habe mich nämlich verliebt!“
„Ei ei, was machst du bloß für komische Sachen? Das ist aber sehr ärgerlich für dich. Wer ist denn der Unglückliche?“
„Der hier“, schniefte die verliebte Hexe und deutete mit dem Finger zur Kristallkugel. Die Hexenmeisterin setzte ihre Brille auf und ging so nah an das Glas heran, dass sie es fast mit der Nasenspitze berühren konnte.
„Brr, was ist das nur für ein hässliches Bürschlein! Der hat ja weder einen Buckel auf dem Rücken noch Warzen oder Falten im Gesicht. Gefällt dir so etwas denn?“, fragte Camelia und schüttelte angewidert den Kopf.
„Ja, sehr“, gab Ramonia zu und blickte wieder verträumt zur Kugel.
„Du weißt ja, dass du für dich selber keinen Liebestrank brauen kannst. Aber wenn du möchtest, würde ich für dich einen kochen. Mit dem hättest du bei dem Jungen ganz bestimmt Erfolg.“
„Ich will aber gar keinen haben!“, war die empörte Antwort, „er soll mich so lieben wie ich bin und nicht, weil irgendeine Hexerei mit im Spiel ist.“
Die Oberhexe war verblüfft. „Hast du in letzter Zeit schon einmal in den Spiegel geschaut? Du bist doch mindestens hundert Jahre älter als er. Wie soll er sich denn da in dich verlieben?“
Laut heulte Ramonia auf. „Ich will ihn aber haben!“, quengelte sie und stampfte mehrfach heftig mit ihrem Fuß auf den Boden.
„Ist ja schon gut, mein Täubchen. Wie würde es dir denn gefallen, wenn ich einen Trank zubereite, der dich, sagen wir mal, fünfzig Jahre jünger macht?“
„Nun ja, gegen eine kleine Schönheitsauffrischung wäre wohl nichts einzuwenden!“ Ramonia schnäuzte sich mehrmals laut. „Ich weiß ja selber, dass für Männer das Aussehen einer Frau nicht ganz unwichtig ist. Aber der Zauber soll nur meine natürliche Schönheit unterstreichen – nicht mehr.“ Camelia räusperte sich vernehmlich.
„Das ist doch schon ein Schritt auf dem richtigen Weg. Und dann wollen wir beide gemeinsam überlegen, wie du am besten sein Herz gewinnen kannst.“
Ihre Stimme klang wenig überzeugend.

Rasch brachten sie den Kessel über dem offenen Feuer zum Kochen. Die Hexenmeisterin rührte einen Trank aus Kräutern zusammen, für dessen Rezeptur jede Frau sofort ihre Seele verkauft hätte. Nachdem Ramonia den gesamten Inhalt bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken hatte, konnte sie jedoch beim besten Willen keine großen Veränderungen an sich feststellen. Vielleicht hatte sie zwei, drei Warzen weniger im Gesicht und ihre Falten waren nicht mehr ganz so tief – aber wenn sie ehrlich war, musste sie sich selber eingestehen, dass sie immer noch wie eine alte Frau ausschaute.
„Meinst du, jetzt kann er sich in mich verlieben?“
„Vielleicht sollten wir dich hier und dort noch ein wenig auspolstern“, überlegte die Hexenmeisterin und deutete dabei auf Brust und Po. Doch dann legte sich ihre Stirn in tiefe Falten und sie schüttelte heftig den Kopf.
„Nein, so kann das nicht funktionieren. Wir müssen die Sache ganz anders angehen. Und ich weiß auch schon, wie wir sein Interesse an dir wirklich wecken können.“
Ramonias Gesicht erstrahlte.

Am nächsten Markttag zog sie ihr allerbestes Kleid an und ging frohgelaunt in die Stadt. Schon von weitem erspähte sie ihren Auserwählten, der an seinem Stand mit zwei Mägden schäkerte, und ihr Herz begann heftig zu pochen. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und trat mit wackligen Beinen auf ihn zu.
„Kohlköpfe möchte ich kaufen“, krächzte Ramonia und setzte dabei das liebevollste Lächeln auf, zu welchem eine alte Hexe in der Lage ist. Der junge Händler jedoch war viel zu sehr mit den beiden Mägden beschäftigt, um sie auch nur eines Blickes zu würdigen, und antwortete verärgert:
„Seht Ihr nicht, dass Ihr gerade stört? Ich habe die besten Waren in der ganzen Stadt – nehmt Euch nur, was Ihr benötigt.“
Sie griff sich einen großen Sack und warf alle Kohlköpfe hinein, die er anzubieten hatte. Dann verkündete sie stolz: „Ich habe mir 17 Stück genommen. Nun sagt mir bitte, was ich Euch schulde!“
Der junge Händler blickte sie verblüfft an.
„So viele wollt Ihr kaufen? Das wird aber nicht billig!“
„Macht Euch darüber keine Sorgen! Ich habe genug Gold dabei, um Euch angemessen zu entlohnen.“
Ramonia kramte ihren Beutel hervor und öffnete ihn. Mit großen Augen starrte der Händler auf die unzähligen Goldmünzen, die darin blitzten. Rasch verbeugte er sich vor ihr, als sei sie die Königinmutter höchstpersönlich, und säuselte:
„Habt Ihr vielleicht noch einen Wunsch? Ich stehe Euch gerne zur Verfügung.“
Bei diesen Worten kicherte die Hexe amüsiert und antwortete:
„Es wäre sehr freundlich von Euch, wenn Ihr mir die Waren nach Hause bringen könntet. Ich bin nur eine schwache Frau und Euch wird es gewiss ein Leichtes sein, die Kohlköpfe in meine Küche zu tragen. Es soll Euer Schaden nicht sein.“

Eilfertig sprang der Händler hinter seinem Stand hervor, warf den Sack über seine Schulter und rannte ihr nach. Doch bald schon merkte er, wie die Kohlköpfe bei jedem Schritt immer schwerer wurden und er Mühe hatte, der Hexe durch die engen Gassen zu folgen. Als sie ihr Haus endlich erreicht hatten, war er heilfroh, seine Last absetzen zu können. Erschöpft ließ er sich auf einen Stuhl fallen.
Die Hexe betrachtete ihn voller Zuneigung.
„Ihr habt mir sehr geholfen und Eure Belohnung wahrlich verdient. Aber vielleicht könnt Ihr mir noch bei einer anderen Sache behilflich sein, die ein wenig delikater Natur ist!“
Der Händler blickte gierig zu den Goldmünzen, die sie ihm in die Hand drückte und keuchte:
„Sagt mir, was Euer Begehr ist. Soweit es in meiner Macht steht, will ich Euch gerne mit Rat und Tat zur Verfügung stehen.“
Nervös strich Ramonia über ihr Kleid und wagte es nicht, dem Händler ins Gesicht zu schauen, während sie mit brüchiger Stimme erklärte:
„Ich bin eine alte Frau und fühle bereits mein nahes Ende. Aber leider war es mir bisher nie vergönnt gewesen, die Liebe in den Armen eines Mannes zu erleben. Bevor ich sterbe, wäre es mein sehnlichster Wunsch, dies einmal zu erfahren. Ihr gefallt mir gut und wenn Ihr mir meinen Wunsch erfüllen könntet, will ich Euch dafür all mein Gold schenken.“

Erschrocken musterte der Händler die Hexe von oben bis unten. Abscheu und Geldgier spiegelten sich gleichzeitig in seinem Gesicht.
„Ich kann Euer Begehr gut verstehen, doch bin ich nicht sicher, ob gerade ich der Richtige für diese Aufgabe bin“, antwortete er schließlich nervös.
„Oh, das seid Ihr ganz gewiss“, entgegnete Ramonia rasch und strahlte dabei wie ein Honigkuchenpferd.
„Nun ja“, stotterte der Jüngling, „es ist ja wohl die Pflicht eines jeden Christenmenschen, den letzten Wunsch einer Sterbenden zu erfüllen. So will ich denn mein Bestes tun, um Euch zufrieden zu stellen.“
„Das könnt Ihr gerne versuchen!“, rief die Hexe begeistert, warf all ihre Kleider von sich und stürzte sich auf den Händler, um ihn zu küssen und zu herzen.

Ob es nun daran lag, dass sie so lange der Liebe entbehren musste oder ob es die besondere Art der Hexen ist: Ramonia war schier unersättlich. Als der Händler am nächsten Morgen entkräftet an Leib und Seele erwachte, schaute er in das erneut lüsterne Antlitz der Hexe.
„Seid Ihr endlich wieder in der Lage, mir meinen letzten Wunsch noch etwas zu erfüllen?“, fragte sie ihn mit zärtlicher Stimme. Der Jüngling wurde weiß wie Milch, seine Glieder zitterten und er stieß verzweifelt aus:
„Bitte lasst ab von mir! Ich bin wohl doch nicht der Richtige für diese Aufgabe. Gebt mir die versprochene Belohnung und wir wollen uns niemals wieder sehen!“
„Oh“, sagte Ramonia schmunzelnd, „das wird schwierig, denn ich besitze überhaupt gar kein Gold.“
„Ich habe doch die Goldmünzen in Eurem Beutel gesehen!“, rief ihr Galan empört aus und war plötzlich hellwach.
„Das war nur ein wenig Zauberei“, gab sie zu, „was Ihr gesehen habt, war verwandelter Katzendreck.“

Wie versteinert erschien nun das Gesicht des Jünglings. Er griff zu seinem Geldbeutel und öffnete ihn. Sofort breitete sich ein übler Geruch im Zimmer aus.
„Ihr seid eine alte und hundsgemeine Hexe! Betrogen habt Ihr mich, aber das werdet Ihr furchtbar bereuen!“, schrie er und schleuderte seinen Geldbeutel zu Boden.
„Vielen Dank für Euer Kompliment!“ antwortete Ramonia lächelnd, doch in ihren Augen funkelte es.
Rasend vor Zorn schimpfte und fluchte der Händler wie ein Rohrspatz und wollte sich gar nicht beruhigen. Als er sich von dem Lager erheben wollte, zitterten seine Beine jedoch so sehr, dass ihm ein Aufstehen unmöglich war.
„Bleibt lieber noch etwas liegen. Ich will Euch einen Trank geben, der Euch wieder zu Kräften kommen lässt“, sagte Ramonia und ging zu ihrem Kessel. Misstrauisch beäugte sie der Händler, während sie einen Holzbecher bis zum Rand füllte und zu ihm zurückkehrte.

Zwei Tage später pochte es heftig an ihrer Tür. Ramonia ahnte bereits, wer sie besuchen wollte, und öffnete mit einem strahlenden Lächeln.
„Wenn ich dein Gesicht sehe, brauche ich erst gar nicht zu fragen, ob unser Plan geglückt ist“, rief die Oberhexe aus und eilte mit großen Schritten herein.
Ramonia schloss die Tür und folgte ihr. „Du hattest wie immer Recht. Dem verwandelten Katzendreck konnte er einfach nicht widerstehen.“
„Wo ist er denn?“, fragte die Oberhexe und blickte sich überall suchend um.
„Er steht auf dem Tisch. Am Anfang war er noch etwas ungehalten, aber ich glaube, jetzt hat er sich an seine Lage gewöhnt.“
Beide gingen zu dem Tisch und schauten in das hohe, verschlossene Glas, auf dessen Boden eine dicke, braune Kröte hockte und mit den Augen zwinkerte.
Camelia nickte ernst. „Ohne Hexerei geht es eben nicht, das war bei uns allen so. Der eine Mann verwandelt sich in einen streunenden Kater, der andere in einen krächzenden Raben. Und deiner ist eine geldgierige Kröte geworden. Wir können uns nicht aussuchen, in was sie sich verwandeln. Es ist immer das, was sie in ihrem Inneren schon lange sind. Was hat er dir denn verkauft?“
„17 Kohlköpfe hat er mir freiwillig und gerne gegeben – und in mein Haus getragen“, antwortete Ramonia und lachte schallend.
„17 – das ist wirklich eine Herausforderung“, grinste Camelia. „Hast du ihm schon gesagt, dass er erst dann wieder von dem Zauber befreit ist, wenn er dich 17 Mal in einer Nacht glücklich gemacht hat?“
„Natürlich! Jede Nacht, wenn er sich wieder bis zum Morgengrauen in einen Mann verwandelt, bemüht er sich nach Kräften, diese Aufgabe zu erfüllen. Aber es ist ihm bisher noch nicht einmal ansatzweise gelungen!“
Die Oberhexe meckerte wie eine Ziege.
„Das dachte ich mir. Aber wenn jemand freiwillig 17 Dinge einer Hexe gibt, muss er eben die gleiche Zahl erneut geben, um von ihr frei zu werden – so sind die Gesetze der Magie.“

Camelia legte ihren knöchernen Arm um Ramonias Schultern und flüsterte ernst: „Hast du nun verstanden, was es bedeutet, eine Hexe zu sein? Wir beklagen nicht das Schicksal, wenn es einmal gegen uns ist. Wir ändern es, wie es uns beliebt. Wenn uns ein Nachbar ärgert, rächen wir uns mit Magie. Und wenn uns ein Mann gefällt, dann erobern wir ihn eben auch mit unserer Magie. Das ist wahre Hexenliebe. Wir zerfließen nicht vor Kummer und Schmerz wie andere Frauen – wir bestimmen unser Schicksal selber!“
Ramonia nickte und blickte nachdenklich zu dem Glas. Der verwandelte Händler war zwischenzeitlich die Leiter im Inneren hinaufgeklettert und glotzte beide Frauen mit großen Augen an.
„Weißt du eigentlich, dass ich ihn in dieser Gestalt viel hübscher finde als in seiner ursprünglichen Menschenform? Einen Mann mit so niedlichen Runzeln und Warzen würde ich auch nicht von der Bettkante schubsen“, krächzte Camelia laut.
Der Händler gab ein entsetztes Quaken von sich und stürzte mit ausgebreiteten Armen und Beinen ohnmächtig von der Leiter herab.
9.4.10 15:15
 



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