Maerchenonkel

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Die neue Nachbarin

Es roch seltsam! Es roch so seltsam, dass auf beiden Etagen unseres Hauses die Türen gleichzeitig aufgerissen wurden und meine Nachbarn ins Treppenhaus stürzten.
„Was stinkt denn so?“, rief Frau Meier aus dem Erdgeschoss empört.
„Is` Essen angebrannt?“, erkundigte sich mein russischer Nachbar.
„Es muss aus dem Keller kommen“, riefen Herr und Frau Berger gleichzeitig, was uns zu einer spontanen Wanderung treppabwärts bewog. Herr Berger, von dem alle wussten, dass er einst Mitarbeiter der Stasi gewesen war, öffnete die Tür zum Kellerlabyrinth – und wurde sofort von einer bläulichen Wolke eingehüllt.
„Feuer, Feuer“, schrillte Frau Meier, führte theatralisch ihre rechte Hand zur Stirn und ließ sich rückwärts zu Boden sinken, nachdem sie sich vorher vergewissert hatte, dass ich hinter ihr stand. Ich trat zwei Schritte zur Seite, damit sie auf dem Boden genug Platz fand, und folgte den anderen.

Unter einer der Stahltüren quoll dichter Rauch hervor.
„Wem gehört dieser Keller?“, bellte Berger und starrte uns mit seinem „Ich weiß, was du getan hast“ - Blick an.
Niemand antwortete.
„Wir müssen aufbrechen“, entschied mein russischer Nahbewohner und warf sich sogleich gegen die Tür, was jedoch völlig sinnlos war. Zwei Sekunden später rieb er sich die Schulter und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse.
Herr Berger knurrte verächtlich: „Und so etwas war einmal mein Waffenbruder!“
Er griff in seine Jackentasche und zog einen Dietrich hervor:
„Das macht man mit Technik, lieber Genosse.“
Schon wollte ich ihm ein aufmunterndes „Gelernt ist halt gelernt“ zukommen lassen, als sich plötzlich die Kellertür von innen öffnete. Nachdem sich der Rauch gelegt hatte, stand vor mir das wundervollste Wesen, das ich je gesehen hatte.
Frau Meier, die ihren Hinterkopf rieb und mir einen wütenden Blick zuwarf, fand als Erste ihre Sprache wieder.
„Was machen Sie denn hier?“
Ich ignorierte einfach ihre Frage, denn mein Gehirn war völlig mit den Reizen der jungen Dame beschäftigt. Ihr langes, schwarz gewelltes Haar rahmte wie ein verlockender Vorhang einen außerordentlich wohlgeformten Körper ein, blaue Augen strahlten uns an.
„Sie wohnen hier?“, säuselte Herr Berger in einem Tonfall, den seine Frau vermutlich so noch nie von ihm vernommen hatte.
„Seit zwei Tagen“, antwortete die Untergrundschönheit mit einer wundervollen, dunklen Stimme.
„Schön“, surrte ich und ließ meinen Mund vorsichtshalber geöffnet, falls mir noch etwas einfiel, was ich sagen wollte.
So hätte diese Begegnung noch in alle Ewigkeiten weitergehen können, wenn Frau Meier nicht gänzlich unbeeindruckt von dem Inbegriff unserer Männerträume gewesen wäre.
„Haben Sie denn dafür die Erlaubnis?“
Ich wollte ihr schon eine bissige Bemerkung an den Kopf werfen, als unsere neue Mitbewohnerin honigsüß antwortete:
„Aber natürlich. Hier unten hat mir der Hausmeister netterweise gestattet, ein Feuer zu machen. In einer Wohnung geht das ja leider nicht.“
Wie auf Kommando blickten wir alle gleichzeitig durch den Türspalt. Im Raum schwebte auf einem Drahtgestell ein großer Kupferkessel über offener Flamme, der eindeutig die Quelle des Gestankes war.
„Ich benötige das Feuer nämlich aus beruflichen Gründen!“

Einen Beruf hatte sie auch! Mein Gott, sie war nicht nur wunderschön, sondern auch überaus intelligent. Wäre die Situation eine andere gewesen, hätte ich mich sofort niedergekniet und ihr einen Heiratsantrag gemacht. Stattdessen rief Iwan aufgeregt:
„Du arbeiten? Das gut für anständige Frau. Was Du machen?“
„Ich bin eine Hexe!“
Stille, dann meldete sich unser abgewickelter Stasimitarbeiter wieder zu Wort.
„Das ist ja interessant. Da haben Sie bestimmt viel mit anderen Menschen zu tun. Sie müssen mir unbedingt einmal mehr von Ihrer Arbeit erzählen.“
„Aber gerne“, antwortete sie augenzwinkernd, „Sie können jederzeit bei mir vorbeikommen, dann reden wir über alles.“

Ich glaube, ich habe in diesem Moment noch nie einen Menschen so sehr gehasst wie unseren Stasimann. In dem russischen Bären neben mir brodelte es ebenfalls. Nach einiger Zeit intensiven Nachdenkens sagte er jedoch nur:
„Meine Großmutter war auch Chexe!“
In mir machte sich das dumpfe Gefühl breit, gegenüber meinen Konkurrenten arg ins Hintertreffen gekommen zu sein. Also murmelte ich ein „Ich habe mal ein Buch über Hexen gelesen“, was mir von allen Anwesenden nur einen verwirrten Blick einbrachte.
„Sie müssen sich aber trotzdem an der Flurreinigung beteiligen!“, giftete Frau Meier. Langsam fragte ich mich, wer von den beiden die Satansanbeterin war.
„Selbstverständlich nur, wenn Sie dies möchten“, ergänzte ich rasch und erntete ein liebevolles Funkeln ihrer Strahleaugen.
Mein Kreislauf rutschte in die Knie, ich schwankte und fand Halt an der Schulter meines russischen Nachbarn, der mich sofort angewidert beiseite stieß.
„Das ist kein Problem“, kicherte sie, „schließlich habe ich einen Besen.“
Jetzt schien sogar Frau Meier etwas besänftigt, auch wenn sie auf dem Rückweg ein „je oller, desto doller“ vor sich hinmurmelte.

Die Veränderungen, die mit dem Einzug unserer neuen Nachbarin einhergingen, waren nicht von gravierender Natur. Ab und zu stiegen einige ältere Damen, die nicht zu unserem Haus gehörten, zu ihrem Keller herab und einmal im Monat fegte ihr Besen wie von Geisterhand gesteuert durch unser Treppenhaus. An die täglichen Rauchwolken hatten wir uns schnell gewöhnt. Unserer Liebe zu ihr tat dies keinen Abbruch – ganz im Gegenteil. Mitunter trafen wir Männer uns vor ihrer Kellertür wie streunende Kater, liefen unruhig auf und ab und hofften, sie würde endlich einen von uns hereinlassen – was sie manchmal auch tat.

Immer bei Vollmond verließ unser Hexlein das Haus, um – wie sie sagte - sich mit ihrer Frauengruppe zu treffen. Nach einem dieser Ausflüge war plötzlich der merkwürdige Geruch im Treppenhaus verschwunden. Auf unser Klopfen und Betteln reagierte sie nicht.
„Was ist mit Technik?“, fragte mein Nachbar.
Berger hob resigniert die Schulter. „Mein Dietrich ist verschwunden. Keine Ahnung, wo ich den wieder hingelegt habe.“
Wir bereiteten uns schon darauf vor, das Nachtlager vor ihrer Tür aufzuschlagen, als wir plötzlich Schritte vernahmen. Die Frauen des Hauses kamen die Treppe herab, in ihrer Mitte war ein kleiner, glatzköpfiger Mann, der sich als „Herr Schulz von der Hausverwaltung“ vorstellte. Energischen Schrittes eilte er zu der Kellertür und rief:
„Frau Margaretha, machen Sie sofort auf – Sie sind nicht befugt, in diesem Keller zu wohnen!“
„Sie besitzt nämlich gar keinen Mietvertrag“, zischte Frau Meier, „unser Hausmeister hat sie einfach umsonst hier wohnen lassen.“
„Wenn sie nicht aufmachen will, versuchen Sie es mal hiermit“, rief Frau Berger und fuchtelte wild mit dem Dietrich ihres Mannes herum. Herr Berger nahm die Farbe der Kellerwand an.

In diesem Moment öffnete sich die Tür und eine bucklige, alte Frau erschien auf der Schwelle.
„Wer ist das?“, fragte ich verwundert.
Frau Meier klatschte begeistert in die Hände.
„Ich habe es doch gewusst. Sie hat unsere Männer mit diesem ständigen Gestank und dem blauen Qualm verhext. Nicht, dass dies bei diesen Prachtexemplaren besonders schwierig wäre – aber einer hundertjährigen Frau würden sogar die nicht hinterher laufen.“
Herr Berger wurde noch blasser und übergab sich, Dostojewski zog einen Flachmann aus seiner Tasche und leerte sie in einem Zug.
„Aber wie … „, stotterte ich.
Frau Meier starrte mich boshaft an.
„Gestern Nacht, als sie ausgeflogen ist, sind wir in den Keller eingebrochen und haben den Kessel mit dem Zauberzeug herausgeholt, damit dieser Gestank im Haus endlich ein Ende hat.“
Ich fühlte, wie der Boden unter meinen Füßen schwankte.
„Und was haben Sie damit gemacht?“, ächzte ich.
„Den Inhalt haben wir natürlich weggeschüttet. Oder glauben Sie, wir bewahren ihn in Tupperdosen auf?“
Sie grinste mich hämisch an.
Bevor ich ohnmächtig auf den Boden sank, wurde mir klar, dass sie gelogen hatte – und warum sie log!
9.4.10 15:17
 



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