Maerchenonkel

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Märchenhaftes

Willkommen auf meiner Märchenseite!



Leider habe ich überhaupt keine Ahnung vom Erstellen einer Internetseite - aber dieses Sytem soll ja angeblich narrensicher sein. Also genau das Richtige für mich - gacker.

Der Märchenonkel ist 50 Jahre alt - also gerade noch etwas zu jung, um den König zu spielen und leider viel zu alt, um für die Prinzenrolle in Frage zu kommen.

Dafür schreibt er lieber Märchen - neue alt und Alte neu.
Würde mich freuen, wenn sie euch gefallen!

Leider noch ein rechtlicher Hinweis:

Das Copyright für die Texte besitzt der Märchenonkel.

Vielen Dank an Teuker für das wunderschöne Banner!
22.2.05 01:27


Der kleine Stern

Es war einmal ein kleiner Stern, der stand mit vielen anderen Sternen am nächtlichen Himmelszelt und sandte, so gut er dies vermochte, seine funkelnden Strahlen auf die Erde hinab. Mit der Zeit aber wurde er immer trauriger, denn er bemerkte, dass alle anderen Sterne um ihn herum viel größer und heller waren. Nacht für Nacht wurde sein Licht nun immer schwächer, bis es ganz zu erlöschen drohte.

Dies bemerkte der liebe Gott auf seinem Himmelsthron und er eilte zu dem kleinen Stern.
„Warum magst du denn nicht mehr leuchten“, fragte Gott besorgt, „bist du etwa krank geworden?“
„Ach, all die anderen Sterne glitzern doch viel prächtiger als ich“, antwortete der kleine Stern verdrossen, „da sieht mich doch eh niemand auf der Erde. Also habe ich beschlossen, gar kein Licht mehr auszusenden.“

Gott blickte den kleinen Stern mit ernstem Gesicht an und sprach:
„Meinst du nicht, dein Bruderstern zur Linken und dein Schwesterstern zur Rechten würden sehr traurig werden, wenn es dich am Himmel nicht mehr gibt? Und wenn sie traurig sind, wird auch ihr Licht bald verlöschen.“
„Das mag ja sein“, antwortete der kleine Stern, „aber es gibt doch so viele andere Sterne am Firmament, dass ich sie gar nicht zu zählen vermag. Was bin ich da schon mit meinem kleinen Licht?“
„Mit jedem Stern, der nicht mehr leuchten will, werden zwei andere ihr Licht auch nicht mehr aussenden wollen. Noch vor dem Ende dieser Nacht würde es keine Sterne mehr am Himmel geben!“, erklärte Gott.
„Aber die Menschen beachten uns doch sowieso nicht mehr“, meinte der kleine Stern trotzig, „würde ihnen denn etwas fehlen, wenn sie keine Sterne mehr am Himmel sehen?“

Gott lächelte: „Wenn keine Sterne mehr am Himmel stehen, wäre die Nacht tiefschwarz. Die Menschen würden sich in dieser Finsternis fürchten und mit der Zeit ihren Lebensmut verlieren. Das möchtest du doch nicht, oder?“
Der kleine Stern schüttelte nachdenklich den Kopf, und ganz langsam wurde sein Leuchten wieder etwas stärker.

Gerade wollte sich Gott von ihm entfernen, da rief der kleine Stern mit trauriger Stimme: „Aber hättest du mich nicht wenigstens etwas größer und heller machen können?“
Gott trat ganz nahe an den kleinen Stern heran und flüsterte: „Ich habe dich so klein gemacht, damit die anderen Sterne nicht neidisch auf dich werden. Du bist nämlich der wichtigste Stern am ganzen Firmament, denn in dir habe ich den Funken der Hoffnung verborgen.“
9.4.10 15:19


Die neue Nachbarin

Es roch seltsam! Es roch so seltsam, dass auf beiden Etagen unseres Hauses die Türen gleichzeitig aufgerissen wurden und meine Nachbarn ins Treppenhaus stürzten.
„Was stinkt denn so?“, rief Frau Meier aus dem Erdgeschoss empört.
„Is` Essen angebrannt?“, erkundigte sich mein russischer Nachbar.
„Es muss aus dem Keller kommen“, riefen Herr und Frau Berger gleichzeitig, was uns zu einer spontanen Wanderung treppabwärts bewog. Herr Berger, von dem alle wussten, dass er einst Mitarbeiter der Stasi gewesen war, öffnete die Tür zum Kellerlabyrinth – und wurde sofort von einer bläulichen Wolke eingehüllt.
„Feuer, Feuer“, schrillte Frau Meier, führte theatralisch ihre rechte Hand zur Stirn und ließ sich rückwärts zu Boden sinken, nachdem sie sich vorher vergewissert hatte, dass ich hinter ihr stand. Ich trat zwei Schritte zur Seite, damit sie auf dem Boden genug Platz fand, und folgte den anderen.

Unter einer der Stahltüren quoll dichter Rauch hervor.
„Wem gehört dieser Keller?“, bellte Berger und starrte uns mit seinem „Ich weiß, was du getan hast“ - Blick an.
Niemand antwortete.
„Wir müssen aufbrechen“, entschied mein russischer Nahbewohner und warf sich sogleich gegen die Tür, was jedoch völlig sinnlos war. Zwei Sekunden später rieb er sich die Schulter und verzog sein Gesicht zu einer Grimasse.
Herr Berger knurrte verächtlich: „Und so etwas war einmal mein Waffenbruder!“
Er griff in seine Jackentasche und zog einen Dietrich hervor:
„Das macht man mit Technik, lieber Genosse.“
Schon wollte ich ihm ein aufmunterndes „Gelernt ist halt gelernt“ zukommen lassen, als sich plötzlich die Kellertür von innen öffnete. Nachdem sich der Rauch gelegt hatte, stand vor mir das wundervollste Wesen, das ich je gesehen hatte.
Frau Meier, die ihren Hinterkopf rieb und mir einen wütenden Blick zuwarf, fand als Erste ihre Sprache wieder.
„Was machen Sie denn hier?“
Ich ignorierte einfach ihre Frage, denn mein Gehirn war völlig mit den Reizen der jungen Dame beschäftigt. Ihr langes, schwarz gewelltes Haar rahmte wie ein verlockender Vorhang einen außerordentlich wohlgeformten Körper ein, blaue Augen strahlten uns an.
„Sie wohnen hier?“, säuselte Herr Berger in einem Tonfall, den seine Frau vermutlich so noch nie von ihm vernommen hatte.
„Seit zwei Tagen“, antwortete die Untergrundschönheit mit einer wundervollen, dunklen Stimme.
„Schön“, surrte ich und ließ meinen Mund vorsichtshalber geöffnet, falls mir noch etwas einfiel, was ich sagen wollte.
So hätte diese Begegnung noch in alle Ewigkeiten weitergehen können, wenn Frau Meier nicht gänzlich unbeeindruckt von dem Inbegriff unserer Männerträume gewesen wäre.
„Haben Sie denn dafür die Erlaubnis?“
Ich wollte ihr schon eine bissige Bemerkung an den Kopf werfen, als unsere neue Mitbewohnerin honigsüß antwortete:
„Aber natürlich. Hier unten hat mir der Hausmeister netterweise gestattet, ein Feuer zu machen. In einer Wohnung geht das ja leider nicht.“
Wie auf Kommando blickten wir alle gleichzeitig durch den Türspalt. Im Raum schwebte auf einem Drahtgestell ein großer Kupferkessel über offener Flamme, der eindeutig die Quelle des Gestankes war.
„Ich benötige das Feuer nämlich aus beruflichen Gründen!“

Einen Beruf hatte sie auch! Mein Gott, sie war nicht nur wunderschön, sondern auch überaus intelligent. Wäre die Situation eine andere gewesen, hätte ich mich sofort niedergekniet und ihr einen Heiratsantrag gemacht. Stattdessen rief Iwan aufgeregt:
„Du arbeiten? Das gut für anständige Frau. Was Du machen?“
„Ich bin eine Hexe!“
Stille, dann meldete sich unser abgewickelter Stasimitarbeiter wieder zu Wort.
„Das ist ja interessant. Da haben Sie bestimmt viel mit anderen Menschen zu tun. Sie müssen mir unbedingt einmal mehr von Ihrer Arbeit erzählen.“
„Aber gerne“, antwortete sie augenzwinkernd, „Sie können jederzeit bei mir vorbeikommen, dann reden wir über alles.“

Ich glaube, ich habe in diesem Moment noch nie einen Menschen so sehr gehasst wie unseren Stasimann. In dem russischen Bären neben mir brodelte es ebenfalls. Nach einiger Zeit intensiven Nachdenkens sagte er jedoch nur:
„Meine Großmutter war auch Chexe!“
In mir machte sich das dumpfe Gefühl breit, gegenüber meinen Konkurrenten arg ins Hintertreffen gekommen zu sein. Also murmelte ich ein „Ich habe mal ein Buch über Hexen gelesen“, was mir von allen Anwesenden nur einen verwirrten Blick einbrachte.
„Sie müssen sich aber trotzdem an der Flurreinigung beteiligen!“, giftete Frau Meier. Langsam fragte ich mich, wer von den beiden die Satansanbeterin war.
„Selbstverständlich nur, wenn Sie dies möchten“, ergänzte ich rasch und erntete ein liebevolles Funkeln ihrer Strahleaugen.
Mein Kreislauf rutschte in die Knie, ich schwankte und fand Halt an der Schulter meines russischen Nachbarn, der mich sofort angewidert beiseite stieß.
„Das ist kein Problem“, kicherte sie, „schließlich habe ich einen Besen.“
Jetzt schien sogar Frau Meier etwas besänftigt, auch wenn sie auf dem Rückweg ein „je oller, desto doller“ vor sich hinmurmelte.

Die Veränderungen, die mit dem Einzug unserer neuen Nachbarin einhergingen, waren nicht von gravierender Natur. Ab und zu stiegen einige ältere Damen, die nicht zu unserem Haus gehörten, zu ihrem Keller herab und einmal im Monat fegte ihr Besen wie von Geisterhand gesteuert durch unser Treppenhaus. An die täglichen Rauchwolken hatten wir uns schnell gewöhnt. Unserer Liebe zu ihr tat dies keinen Abbruch – ganz im Gegenteil. Mitunter trafen wir Männer uns vor ihrer Kellertür wie streunende Kater, liefen unruhig auf und ab und hofften, sie würde endlich einen von uns hereinlassen – was sie manchmal auch tat.

Immer bei Vollmond verließ unser Hexlein das Haus, um – wie sie sagte - sich mit ihrer Frauengruppe zu treffen. Nach einem dieser Ausflüge war plötzlich der merkwürdige Geruch im Treppenhaus verschwunden. Auf unser Klopfen und Betteln reagierte sie nicht.
„Was ist mit Technik?“, fragte mein Nachbar.
Berger hob resigniert die Schulter. „Mein Dietrich ist verschwunden. Keine Ahnung, wo ich den wieder hingelegt habe.“
Wir bereiteten uns schon darauf vor, das Nachtlager vor ihrer Tür aufzuschlagen, als wir plötzlich Schritte vernahmen. Die Frauen des Hauses kamen die Treppe herab, in ihrer Mitte war ein kleiner, glatzköpfiger Mann, der sich als „Herr Schulz von der Hausverwaltung“ vorstellte. Energischen Schrittes eilte er zu der Kellertür und rief:
„Frau Margaretha, machen Sie sofort auf – Sie sind nicht befugt, in diesem Keller zu wohnen!“
„Sie besitzt nämlich gar keinen Mietvertrag“, zischte Frau Meier, „unser Hausmeister hat sie einfach umsonst hier wohnen lassen.“
„Wenn sie nicht aufmachen will, versuchen Sie es mal hiermit“, rief Frau Berger und fuchtelte wild mit dem Dietrich ihres Mannes herum. Herr Berger nahm die Farbe der Kellerwand an.

In diesem Moment öffnete sich die Tür und eine bucklige, alte Frau erschien auf der Schwelle.
„Wer ist das?“, fragte ich verwundert.
Frau Meier klatschte begeistert in die Hände.
„Ich habe es doch gewusst. Sie hat unsere Männer mit diesem ständigen Gestank und dem blauen Qualm verhext. Nicht, dass dies bei diesen Prachtexemplaren besonders schwierig wäre – aber einer hundertjährigen Frau würden sogar die nicht hinterher laufen.“
Herr Berger wurde noch blasser und übergab sich, Dostojewski zog einen Flachmann aus seiner Tasche und leerte sie in einem Zug.
„Aber wie … „, stotterte ich.
Frau Meier starrte mich boshaft an.
„Gestern Nacht, als sie ausgeflogen ist, sind wir in den Keller eingebrochen und haben den Kessel mit dem Zauberzeug herausgeholt, damit dieser Gestank im Haus endlich ein Ende hat.“
Ich fühlte, wie der Boden unter meinen Füßen schwankte.
„Und was haben Sie damit gemacht?“, ächzte ich.
„Den Inhalt haben wir natürlich weggeschüttet. Oder glauben Sie, wir bewahren ihn in Tupperdosen auf?“
Sie grinste mich hämisch an.
Bevor ich ohnmächtig auf den Boden sank, wurde mir klar, dass sie gelogen hatte – und warum sie log!
9.4.10 15:17


Eine Hexenliebe

Vor langer Zeit lebte in der Stadt „Ichweißnichtwo“ eine Hexe namens Ramonia. Mit ihren 128 Jahren war Ramonia gerade im allerbesten Hexenalter, als etwas Schreckliches geschah: Sie verliebte sich Hals über Kopf in einen jungen Mann!

Kaum hatte sie ihn zum ersten Mal auf dem Markt der Stadt gesehen, war sie sofort rettungslos seinen blauen Augen verfallen. Er jedoch hatte für die kleine, bucklige Frau, die an seinem Stand nach einem Bündel Petersilien suchte und ihn mit trübem Blick anhimmelte, nur ein geschäftsmäßiges Lächeln übrig. Aber dies genügte Ramonia, um felsenfest davon überzeugt zu sein, auch er habe Gefallen an ihr gefunden.

Seit dieser Zeit konnte sie nichts mehr essen, wollte weder das Vieh noch die Felder ihrer Nachbarn verzaubern und blieb sogar den monatlichen Treffen der örtlichen Hexengruppe fern. Immerzu beschwor sie in ihrer magischen Kristallkugel nur das Gesicht des ahnungslosen Geliebten, um es verträumt anzublicken und ab und zu einige tiefe Seufzer auszustoßen.

Eines Abends polterte und rumpelte es so gewaltig in dem Schornstein ihres Hauses, dass Ramonia erschrocken vom Stuhl hochfuhr. Überrascht starrte sie in das Gesicht von Oberhexe Camelia, die kopfüber aus dem Rauchfang purzelte und dabei von einer riesigen Rußwolke eingehüllt wurde.
„Du könntest ruhig einmal wieder deinen Kamin kehren!“, grummelte Camelia mit zahnlosem Mund und strich über ihren leicht verbogenen Besen.

Ramonia errötete, verbeugte sich tief und stotterte: „Herzlich Willkommen, geliebte Grässlichkeit! Es ist mir eine Ehre …“
„Blablabla, schon gut, schon gut!“, grinste die Hexenmeisterin, „wir wollen doch nicht so förmlich sein. Ich bin nur vorbei geflogen, um zu schauen, wie es dir geht. Ich dachte, du bist vielleicht krank! Aber so krank schaust du gar nicht aus, mein Täubchen.“
Ramonia schluckte schwer, dann liefen dicke Tränen über ihre Wangen.
„Ich bin aber krank! Sehr krank sogar“, schluchzte sie, „ich habe mich nämlich verliebt!“
„Ei ei, was machst du bloß für komische Sachen? Das ist aber sehr ärgerlich für dich. Wer ist denn der Unglückliche?“
„Der hier“, schniefte die verliebte Hexe und deutete mit dem Finger zur Kristallkugel. Die Hexenmeisterin setzte ihre Brille auf und ging so nah an das Glas heran, dass sie es fast mit der Nasenspitze berühren konnte.
„Brr, was ist das nur für ein hässliches Bürschlein! Der hat ja weder einen Buckel auf dem Rücken noch Warzen oder Falten im Gesicht. Gefällt dir so etwas denn?“, fragte Camelia und schüttelte angewidert den Kopf.
„Ja, sehr“, gab Ramonia zu und blickte wieder verträumt zur Kugel.
„Du weißt ja, dass du für dich selber keinen Liebestrank brauen kannst. Aber wenn du möchtest, würde ich für dich einen kochen. Mit dem hättest du bei dem Jungen ganz bestimmt Erfolg.“
„Ich will aber gar keinen haben!“, war die empörte Antwort, „er soll mich so lieben wie ich bin und nicht, weil irgendeine Hexerei mit im Spiel ist.“
Die Oberhexe war verblüfft. „Hast du in letzter Zeit schon einmal in den Spiegel geschaut? Du bist doch mindestens hundert Jahre älter als er. Wie soll er sich denn da in dich verlieben?“
Laut heulte Ramonia auf. „Ich will ihn aber haben!“, quengelte sie und stampfte mehrfach heftig mit ihrem Fuß auf den Boden.
„Ist ja schon gut, mein Täubchen. Wie würde es dir denn gefallen, wenn ich einen Trank zubereite, der dich, sagen wir mal, fünfzig Jahre jünger macht?“
„Nun ja, gegen eine kleine Schönheitsauffrischung wäre wohl nichts einzuwenden!“ Ramonia schnäuzte sich mehrmals laut. „Ich weiß ja selber, dass für Männer das Aussehen einer Frau nicht ganz unwichtig ist. Aber der Zauber soll nur meine natürliche Schönheit unterstreichen – nicht mehr.“ Camelia räusperte sich vernehmlich.
„Das ist doch schon ein Schritt auf dem richtigen Weg. Und dann wollen wir beide gemeinsam überlegen, wie du am besten sein Herz gewinnen kannst.“
Ihre Stimme klang wenig überzeugend.

Rasch brachten sie den Kessel über dem offenen Feuer zum Kochen. Die Hexenmeisterin rührte einen Trank aus Kräutern zusammen, für dessen Rezeptur jede Frau sofort ihre Seele verkauft hätte. Nachdem Ramonia den gesamten Inhalt bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken hatte, konnte sie jedoch beim besten Willen keine großen Veränderungen an sich feststellen. Vielleicht hatte sie zwei, drei Warzen weniger im Gesicht und ihre Falten waren nicht mehr ganz so tief – aber wenn sie ehrlich war, musste sie sich selber eingestehen, dass sie immer noch wie eine alte Frau ausschaute.
„Meinst du, jetzt kann er sich in mich verlieben?“
„Vielleicht sollten wir dich hier und dort noch ein wenig auspolstern“, überlegte die Hexenmeisterin und deutete dabei auf Brust und Po. Doch dann legte sich ihre Stirn in tiefe Falten und sie schüttelte heftig den Kopf.
„Nein, so kann das nicht funktionieren. Wir müssen die Sache ganz anders angehen. Und ich weiß auch schon, wie wir sein Interesse an dir wirklich wecken können.“
Ramonias Gesicht erstrahlte.

Am nächsten Markttag zog sie ihr allerbestes Kleid an und ging frohgelaunt in die Stadt. Schon von weitem erspähte sie ihren Auserwählten, der an seinem Stand mit zwei Mägden schäkerte, und ihr Herz begann heftig zu pochen. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und trat mit wackligen Beinen auf ihn zu.
„Kohlköpfe möchte ich kaufen“, krächzte Ramonia und setzte dabei das liebevollste Lächeln auf, zu welchem eine alte Hexe in der Lage ist. Der junge Händler jedoch war viel zu sehr mit den beiden Mägden beschäftigt, um sie auch nur eines Blickes zu würdigen, und antwortete verärgert:
„Seht Ihr nicht, dass Ihr gerade stört? Ich habe die besten Waren in der ganzen Stadt – nehmt Euch nur, was Ihr benötigt.“
Sie griff sich einen großen Sack und warf alle Kohlköpfe hinein, die er anzubieten hatte. Dann verkündete sie stolz: „Ich habe mir 17 Stück genommen. Nun sagt mir bitte, was ich Euch schulde!“
Der junge Händler blickte sie verblüfft an.
„So viele wollt Ihr kaufen? Das wird aber nicht billig!“
„Macht Euch darüber keine Sorgen! Ich habe genug Gold dabei, um Euch angemessen zu entlohnen.“
Ramonia kramte ihren Beutel hervor und öffnete ihn. Mit großen Augen starrte der Händler auf die unzähligen Goldmünzen, die darin blitzten. Rasch verbeugte er sich vor ihr, als sei sie die Königinmutter höchstpersönlich, und säuselte:
„Habt Ihr vielleicht noch einen Wunsch? Ich stehe Euch gerne zur Verfügung.“
Bei diesen Worten kicherte die Hexe amüsiert und antwortete:
„Es wäre sehr freundlich von Euch, wenn Ihr mir die Waren nach Hause bringen könntet. Ich bin nur eine schwache Frau und Euch wird es gewiss ein Leichtes sein, die Kohlköpfe in meine Küche zu tragen. Es soll Euer Schaden nicht sein.“

Eilfertig sprang der Händler hinter seinem Stand hervor, warf den Sack über seine Schulter und rannte ihr nach. Doch bald schon merkte er, wie die Kohlköpfe bei jedem Schritt immer schwerer wurden und er Mühe hatte, der Hexe durch die engen Gassen zu folgen. Als sie ihr Haus endlich erreicht hatten, war er heilfroh, seine Last absetzen zu können. Erschöpft ließ er sich auf einen Stuhl fallen.
Die Hexe betrachtete ihn voller Zuneigung.
„Ihr habt mir sehr geholfen und Eure Belohnung wahrlich verdient. Aber vielleicht könnt Ihr mir noch bei einer anderen Sache behilflich sein, die ein wenig delikater Natur ist!“
Der Händler blickte gierig zu den Goldmünzen, die sie ihm in die Hand drückte und keuchte:
„Sagt mir, was Euer Begehr ist. Soweit es in meiner Macht steht, will ich Euch gerne mit Rat und Tat zur Verfügung stehen.“
Nervös strich Ramonia über ihr Kleid und wagte es nicht, dem Händler ins Gesicht zu schauen, während sie mit brüchiger Stimme erklärte:
„Ich bin eine alte Frau und fühle bereits mein nahes Ende. Aber leider war es mir bisher nie vergönnt gewesen, die Liebe in den Armen eines Mannes zu erleben. Bevor ich sterbe, wäre es mein sehnlichster Wunsch, dies einmal zu erfahren. Ihr gefallt mir gut und wenn Ihr mir meinen Wunsch erfüllen könntet, will ich Euch dafür all mein Gold schenken.“

Erschrocken musterte der Händler die Hexe von oben bis unten. Abscheu und Geldgier spiegelten sich gleichzeitig in seinem Gesicht.
„Ich kann Euer Begehr gut verstehen, doch bin ich nicht sicher, ob gerade ich der Richtige für diese Aufgabe bin“, antwortete er schließlich nervös.
„Oh, das seid Ihr ganz gewiss“, entgegnete Ramonia rasch und strahlte dabei wie ein Honigkuchenpferd.
„Nun ja“, stotterte der Jüngling, „es ist ja wohl die Pflicht eines jeden Christenmenschen, den letzten Wunsch einer Sterbenden zu erfüllen. So will ich denn mein Bestes tun, um Euch zufrieden zu stellen.“
„Das könnt Ihr gerne versuchen!“, rief die Hexe begeistert, warf all ihre Kleider von sich und stürzte sich auf den Händler, um ihn zu küssen und zu herzen.

Ob es nun daran lag, dass sie so lange der Liebe entbehren musste oder ob es die besondere Art der Hexen ist: Ramonia war schier unersättlich. Als der Händler am nächsten Morgen entkräftet an Leib und Seele erwachte, schaute er in das erneut lüsterne Antlitz der Hexe.
„Seid Ihr endlich wieder in der Lage, mir meinen letzten Wunsch noch etwas zu erfüllen?“, fragte sie ihn mit zärtlicher Stimme. Der Jüngling wurde weiß wie Milch, seine Glieder zitterten und er stieß verzweifelt aus:
„Bitte lasst ab von mir! Ich bin wohl doch nicht der Richtige für diese Aufgabe. Gebt mir die versprochene Belohnung und wir wollen uns niemals wieder sehen!“
„Oh“, sagte Ramonia schmunzelnd, „das wird schwierig, denn ich besitze überhaupt gar kein Gold.“
„Ich habe doch die Goldmünzen in Eurem Beutel gesehen!“, rief ihr Galan empört aus und war plötzlich hellwach.
„Das war nur ein wenig Zauberei“, gab sie zu, „was Ihr gesehen habt, war verwandelter Katzendreck.“

Wie versteinert erschien nun das Gesicht des Jünglings. Er griff zu seinem Geldbeutel und öffnete ihn. Sofort breitete sich ein übler Geruch im Zimmer aus.
„Ihr seid eine alte und hundsgemeine Hexe! Betrogen habt Ihr mich, aber das werdet Ihr furchtbar bereuen!“, schrie er und schleuderte seinen Geldbeutel zu Boden.
„Vielen Dank für Euer Kompliment!“ antwortete Ramonia lächelnd, doch in ihren Augen funkelte es.
Rasend vor Zorn schimpfte und fluchte der Händler wie ein Rohrspatz und wollte sich gar nicht beruhigen. Als er sich von dem Lager erheben wollte, zitterten seine Beine jedoch so sehr, dass ihm ein Aufstehen unmöglich war.
„Bleibt lieber noch etwas liegen. Ich will Euch einen Trank geben, der Euch wieder zu Kräften kommen lässt“, sagte Ramonia und ging zu ihrem Kessel. Misstrauisch beäugte sie der Händler, während sie einen Holzbecher bis zum Rand füllte und zu ihm zurückkehrte.

Zwei Tage später pochte es heftig an ihrer Tür. Ramonia ahnte bereits, wer sie besuchen wollte, und öffnete mit einem strahlenden Lächeln.
„Wenn ich dein Gesicht sehe, brauche ich erst gar nicht zu fragen, ob unser Plan geglückt ist“, rief die Oberhexe aus und eilte mit großen Schritten herein.
Ramonia schloss die Tür und folgte ihr. „Du hattest wie immer Recht. Dem verwandelten Katzendreck konnte er einfach nicht widerstehen.“
„Wo ist er denn?“, fragte die Oberhexe und blickte sich überall suchend um.
„Er steht auf dem Tisch. Am Anfang war er noch etwas ungehalten, aber ich glaube, jetzt hat er sich an seine Lage gewöhnt.“
Beide gingen zu dem Tisch und schauten in das hohe, verschlossene Glas, auf dessen Boden eine dicke, braune Kröte hockte und mit den Augen zwinkerte.
Camelia nickte ernst. „Ohne Hexerei geht es eben nicht, das war bei uns allen so. Der eine Mann verwandelt sich in einen streunenden Kater, der andere in einen krächzenden Raben. Und deiner ist eine geldgierige Kröte geworden. Wir können uns nicht aussuchen, in was sie sich verwandeln. Es ist immer das, was sie in ihrem Inneren schon lange sind. Was hat er dir denn verkauft?“
„17 Kohlköpfe hat er mir freiwillig und gerne gegeben – und in mein Haus getragen“, antwortete Ramonia und lachte schallend.
„17 – das ist wirklich eine Herausforderung“, grinste Camelia. „Hast du ihm schon gesagt, dass er erst dann wieder von dem Zauber befreit ist, wenn er dich 17 Mal in einer Nacht glücklich gemacht hat?“
„Natürlich! Jede Nacht, wenn er sich wieder bis zum Morgengrauen in einen Mann verwandelt, bemüht er sich nach Kräften, diese Aufgabe zu erfüllen. Aber es ist ihm bisher noch nicht einmal ansatzweise gelungen!“
Die Oberhexe meckerte wie eine Ziege.
„Das dachte ich mir. Aber wenn jemand freiwillig 17 Dinge einer Hexe gibt, muss er eben die gleiche Zahl erneut geben, um von ihr frei zu werden – so sind die Gesetze der Magie.“

Camelia legte ihren knöchernen Arm um Ramonias Schultern und flüsterte ernst: „Hast du nun verstanden, was es bedeutet, eine Hexe zu sein? Wir beklagen nicht das Schicksal, wenn es einmal gegen uns ist. Wir ändern es, wie es uns beliebt. Wenn uns ein Nachbar ärgert, rächen wir uns mit Magie. Und wenn uns ein Mann gefällt, dann erobern wir ihn eben auch mit unserer Magie. Das ist wahre Hexenliebe. Wir zerfließen nicht vor Kummer und Schmerz wie andere Frauen – wir bestimmen unser Schicksal selber!“
Ramonia nickte und blickte nachdenklich zu dem Glas. Der verwandelte Händler war zwischenzeitlich die Leiter im Inneren hinaufgeklettert und glotzte beide Frauen mit großen Augen an.
„Weißt du eigentlich, dass ich ihn in dieser Gestalt viel hübscher finde als in seiner ursprünglichen Menschenform? Einen Mann mit so niedlichen Runzeln und Warzen würde ich auch nicht von der Bettkante schubsen“, krächzte Camelia laut.
Der Händler gab ein entsetztes Quaken von sich und stürzte mit ausgebreiteten Armen und Beinen ohnmächtig von der Leiter herab.
9.4.10 15:15


Unter Verdacht

So glauben Sie mir doch, Herr Kommissar: Ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun – und meine Mitbewohner auch nicht!
Natürlich ist mir klar, was Sie jetzt denken und wenn ich ehrlich bin: Mir würde es an Ihrer Stelle ja nicht anders gehen. Sieben Männer leben mit einer Frau zusammen unter einem Dach weit weg von jeglicher Zivilisation und plötzlich ist die Frau mausetot. Da muss es ja einer von uns sieben gewesen sein. Aber so war es nicht, Herr Kommissar, das schwöre ich!

Ich weiß auch nicht, wie das alles geschehen konnte. Wir kamen eines Tages nach Hause, müde und kaputt von der Schicht im Bergwerk – und da war sie. Hatte sich einfach in unser Haus geschlichen, die Speisekammer aufgebrochen, etwas gegessen und getrunken und wir fanden sie schnarchend in einem unserer Betten. Hätte vor uns plötzlich ein großer Sack mit Gold gestanden, wären wir sicherlich nicht verwunderter gewesen.
Mein Gott, wie zerbrechlich und unschuldig sie ausschaute, da konnte man das junge Ding doch nicht einfach wieder vor die Tür setzen – das hätten Sie auch nicht getan, Herr Kommissar! Am ersten Abend ist ja auch noch gar nichts zwischen uns passiert.

Als wir dann am nächsten Morgen nach dem Frühstück zur Arbeit aufbrechen wollten, fing es an. Auf einmal meinte Heini, er habe so furchtbare Bauchschmerzen, ihm sei ganz übel und er könne nicht mit. Wir anderen waren ja nicht von gestern und sagten ihm: „Entweder wir gehen alle zur Arbeit oder keiner von uns!“

Am Abend wurde es dann noch schlimmer. Jeder scharwenzelte um sie herum: Prinzessin hier, Prinzessin da!
So habe ich meine Kumpel noch nie erlebt. Klar, wir hatten schon seit Jahren keine Frau mehr gesehen, geschweige denn angefasst. Immer jeden Tag nur die schwere Arbeit und kein Vergnügen, da steht man schon unter einem gewissen Druck. Wenn sieben Männer auf engstem Raum zusammen leben, herrscht natürlich nicht nur eitel Sonnenschein. Aber jetzt schien alles hervorzubrechen, was sich jahrelang angestaut hatte. Dass wir uns nicht gegenseitig an die Gurgel gegangen sind, ist für mich heute noch ein Wunder.

In der folgenden Nacht konnte niemand von uns richtig schlafen. Wir haben uns gegenseitig belauert, ob nicht einer von uns zu ihr hinüber will und sein Glück probieren möchte. Wenn einer die Augen schloss, wussten wir anderen genau, er tat nur so, als wolle er schlafen – und waren besonders wachsam.
Mein Gott, jeder von uns wollte doch zu der Kleinen ins Bett.

Drei Tage und drei Nächte ist das so gegangen, dann konnten wir nicht mehr. Wir sahen doch schon alle wie der lebendige Tod aus. Also haben wir uns zusammengesetzt und die Sache vernünftig miteinander besprochen. Dieses ständige Konkurrenzgehabe und Gockelverhalten ging halt jedem von uns mächtig gegen den Strich. Immerhin waren wir doch richtige Männer, da muss man schon mal ein offenes Wort miteinander wechseln können. Wir haben uns ja dann auch sehr schnell geeinigt.
„Hör zu“, haben wir dem Mädchen gesagt, „entweder jeder darf mit dir oder du musst das Haus sofort verlassen, damit wieder Ruhe einkehrt!“

Ach, hat die sich angestellt. Erst tat sie so, als würde sie gar nicht begreifen, worum es überhaupt ging. Dann hat sie herumgeheult und geschrieen, sie hätte noch nie mit einem Mann zuvor und sie würde das auch nicht mit uns machen wollen. Wir könnten doch nicht einfach guten Gewissens von ihr fordern, sie müsse für ein Dach über dem Kopf ihre Jungfräulichkeit opfern.
Da hat einer von uns die Tür aufgerissen und sie angeschnauzt:
„Dann pack deine Siebensachen und verschwinde.“

Gebettelt und gejammert hat sie, allein würde sie doch im Wald umkommen, außerdem habe ihr schon einer nach dem Leben getrachtet ….
Jawohl, Herr Kommissar, jetzt kann ich mich wieder ganz genau daran erinnern. Sie hatte von einem Jäger gesprochen, der hinter ihr her gewesen sein soll! Vielleicht ist er es ja gewesen, der sie getötet hat. Und Stress mit ihrer Stiefmutter soll sie auch gehabt haben. Verhören Sie die doch mal. Aber nein, an solch hohe Herrschaften trauen Sie sich ja nicht heran, da werden immer nur wir Kleinen verdächtigt und eingebuchtet.

Na ja, es ist nicht so leicht, wenn ein junges Ding vor einem sitzt und Rotz und Wasser heult. Aber wir sind knallhart geblieben. Immerhin ging es doch darum, wieder Frieden in unser Haus zu bekommen, da ist einem das eigene Hemd schon näher als der fremde Rock. Schließlich ist sie dann auch ganz still geworden und hat unserem Handel zugestimmt. Sie könne sich ja doch nicht gegen uns wehren, hat sie gemeint, sie sei halt nur eine schwache Frau und so ein Kram. Aber das war uns egal.
Wir hatten doch auch schon eine Reihenfolge aufgestellt, wer als Erster darf und wer als Nächster kommt. Sollte ja keiner benachteiligt werden.

Sie hat sich dann auch gleich bereitwillig auf ihr Bett gelegt und wir sind an diesem Tag nicht mehr zur Arbeit gegangen.
Wenn Sie mich fragen, Herr Kommissar, dann hat die Kleine mit der Zeit schon ihren Gefallen daran gefunden. Und nachdem diese Angelegenheit endgültig vom Tisch war, konnten wir Männern auch wieder vernünftig miteinander umgehen. Nur das mit der Reihenfolge war halt eine blöde Idee gewesen.

Ich war immer als Letzter dran. Wissen Sie, wie quälend das ist, wenn man jede Nacht mit anschauen muss, wie sich sechs Männer vor einem bedienen und man selber stundenlang warten muss, bis man endlich darf? Immer wieder habe ich die anderen angebettelt, wir sollten doch jeden Tag die Reihenfolge neu auslosen, ich wolle schließlich auch einmal die Chance haben, als Erster….

Aber da war beim besten Willen nichts zu machen. Ausgemacht ist ausgemacht, haben die anderen gesagt. Die mussten ja auch nicht zu ihr, wenn das Laken schon lustfeucht war und sie bereits halb wegduselte. Nee, ein Vergnügen war das für mich nun wirklich nicht.

Aber ich konnte mich allein gegen die anderen nicht durchsetzen. Und Letzter zu sein war immer noch besser als gar nicht zu dürfen. Was schauen Sie mich so entsetzt an, Herr Kommissar? Ich sag Ihnen, jeder hätte in dieser Situation so gehandelt wie wir. Männer sind und bleiben eben Männer.

An einem vergifteten Apfel ist sie erstickt? Wenn das Ihre Fachleute herausgefunden haben, wird es wohl schon so seine Richtigkeit haben. Aber ich bin mir sicher, von uns hat ihr keiner diesen Apfel gegeben. Ich zumindest habe es nicht getan. Suchen Sie doch diesen Jäger, der hinter ihr her war. Da brauchen Sie gar nicht so zu grinsen und von dem großen Unbekannten reden. Manchmal ist es eben so, dass eins und eins nicht immer gleich zwei ergeben. Außerdem will ich jetzt endlich meinen Anwalt sprechen.

Warum sollte denn einer von uns sie umgebracht haben? Klar haben Sie bei uns Gift im Keller gefunden. Das hat doch ein jeder im Haus, wenn er sich mit Ratten und anderem Ungeziefer herumquälen muss. Das ist doch noch gar kein Beweis. Und auch wenn der Apfel von einem Baum in unserem Garten stammen könnte, beweist das nichts. Diese Sorte gibt es doch überall hier in unserer Gegend. Mal ehrlich, warum hätte denn einer von uns ihr etwas antun sollen? Wir haben doch bekommen, was wir wollten.

Wenn ich ein Motiv habe, dann haben alle anderen auch ein Motiv! Natürlich war ich nicht ganz frei von Eifersucht, das war niemand von uns. Den einen hat sie halt lieber gemocht und den anderen nicht so sehr. Mir ist sie ja die meiste Zeit aus dem Weg gegangen, ich weiß auch nicht, was sie gegen mich hatte. Dabei mochte ich sie wirklich gern. Jede Nacht musste ich erleben, wie sie bei den anderen lustvoll stöhnte, sich ihnen ganz und gar hingab. Nur bei mir machte sie ständig ihre Zicken.

So so, die anderen haben Ihnen also erzählt, sie wollte nicht mehr mit mir. Das stimmt wohl. Diese verdammte Schlampe hat meinen Mitbewohnern vorgelogen, sie würde sich vor mir ekeln. Sie könne einfach mit mir nicht mehr dasselbe tun wie mit ihnen. Gebettelt hat sie, sie sollten es nicht mehr zulassen, dass auch ich in ihr Bett dürfte. Die wollte doch bloß einen Keil zwischen uns treiben, aber das haben die anderen einfach nicht begriffen.
„Wir haben eine Abmachung miteinander, daran müsst ihr euch halten und sie auch“, habe ich gebrüllt.
„Lass gut sein“, haben sie gemeint, „lass sie einfach in Ruhe, sie will halt nicht mit dir!“
Dabei stimmte das gar nicht. Sie hat mich sehr wohl lieb gehabt, lieber als die anderen, ganz bestimmt. Immer wieder habe ich ihr angeboten, wir könnten doch zusammen fortgehen – nur wir beide. Aber sie wollte nicht.
Mein Gott, man kann doch nicht einfach eine feste Vereinbarung zwischen sieben Männern brechen, das gehört sich nicht!

Wissen Sie was, Herr Kommissar – ich sag jetzt gar nichts mehr! Ich will endlich mit meinem Anwalt sprechen. Aus mir bekommen Sie nichts mehr heraus!
6.3.09 10:58


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