Maerchenonkel

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Märchenhaftes

Die Bitte des Minotaurus

Haltet ein, Athener, haltet ein!
Hört endlich auf, mir eure Jungfrauen und Knaben zu opfern – ich kann ihren Anblick nicht länger ertragen! Wie viele wollt ihr mir noch schicken für den Erhalt eurer Stadt und für ein Versprechen, welches ihr vor Jahrzehnten gegeben habt?

Gewiss, auch ich war stolz, als ihr am Boden lagt, zermalmt unter den Füßen unseres Königs Minos. Und natürlich fühlte ich mich geehrt, als ihr in jedem neunten Jahr sieben Jünglinge und sieben Mädchen mir zum Fraße vorwerfen wolltet, um den Frieden zu wahren.
Ihr bringt sie auf meine Insel und führt sie zum Eingang des Labyrinths, dessen Herrscher und Gefangener ich gleichzeitig bin. Doch mit jeder neuen Opfergabe wurde ich eures Tuns überdrüssiger.
Gäbet ihr doch nur eure Besten her!

Glaubt ihr, weil ich einen Stierschädel auf meinem Menschenleib trage, sind mir Schönheit und Mut fremd?
Ihr klugen Athener bringt doch nur jene als Opfer dar, derer ihr selber überdrüssig seid. Eure Jungfrauen sind hässlich und schwach an Verstand, sie irren durch mein Labyrinth und werden ohnmächtig, sobald sie mich erblicken. Kein Mann könnte sein Vergnügen an ihnen stillen.
Und erst eure Jünglinge! Wenn wenigstens einer den Mut aufbringen würde, sich mir entgegenzustellen, so wäre dies endlich eine Abwechslung in meinem tristen Dasein. Aber sie sind alle schwach und feige. Zitternd fliehen sie vor meinem Schatten und verstecken sich in den Büschen.
Das also sind eure Opfer, die ihr mir gebt: Die hässlichsten eurer Mädchen und die schwächsten eurer Knaben.

Sogar ihr Fleisch ist mir mit der Zeit zuwider geworden. Es stinkt erbärmlich, bereitet mir Magenschmerzen und hinterlässt in der Nacht grausame Alpträume.
Ist das eure Rache für den verlorenen Krieg, Athener?

Nichts kann ich mit ihnen anfangen. Wie ich sind sie nur Gefangene meines Labyrinthes, ohne Hoffnung auf ein Entrinnen.
Denn das ist das Schlimmste an dem Schicksal, welches uns letztlich verbindet: Wir sind alle nur Gefangene.

Seit Jahren suche ich einen Ausgang aus dem Labyrinth, doch wie sollte ich diesen finden, wenn immer wieder eure Opfer meinen Weg kreuzen?
Schon von weitem kann ich sie riechen und vermeide es, ihnen zu begegnen. Ihr Erschrecken und ihre Schreie, wenn sie mich entdecken, widern mich an und ich muss ständig die Richtung wechseln, um nicht mit ihnen zusammenzutreffen.
Ich gehe ihnen aus dem Weg – und kann deshalb meinen Weg nicht finden!

Ist das der Fluch der Götter oder der Fluch der Athener? Ich bin verdammt, im Labyrinth zwischen euren Opfergaben mein Ende zu finden.
Darum haltet ein und schickt mir keine Knaben und Jungfrauen mehr! Oder gebt mir wenigstens einen Jüngling, der genug Mut besitzt, sich mir entgegenzustellen, damit meine Qualen endlich ein Ende haben.
Seid barmherzig, Athener – ein einziges Mal!



19.8.08 18:25


Der Goldesel

In einem gar nicht fernen Land lebte ein Mann, der ließ allerorts verkünden, er besäße einen Goldesel. Dieser könne drei Goldstücke scheißen, wenn man ihn zuvor mit zweien gefüttert habe. Da der Mann im Lande wohlbekannt war, vertrauten ihm die Leute und sprachen: „Wir wollen uns dieses Wundertier aus der Nähe betrachten. Ist es, wie er sagt, bitten wir ihn, er möge auch unser Geld mehren.“

Als nun viel Volk vor seinem Haus stand, ging der Mann zu ihnen und sprach:
„Ist einer unter euch, der mir zwei Goldstücke geben will? Die stecke ich dem Esel ins Maul und es kommen gewiss drei Goldstücke heraus.“

Tatsächlich fand sich jemand, der dem Manne zwei Golddublaten reichte. Der nahm sie und sagte:
„Ich werde in den Stall des Esels gehen, ihr aber dürft mir nicht folgen, denn der Esel ist sehr störrisch und wird kein Gold scheißen wollen, wenn ihm Fremde dabei zuschauen.“

Dies verstanden die Leute und so warteten sie geduldig auf seine Rückkehr. Es dauerte auch gar nicht lange, da trat der Mann wieder aus dem Stall hervor und hielt drei funkelnde Goldmünzen in seiner Hand und rief:
„Wie ihr seht, kann mein Esel wirklich Gold scheißen.“
Und er übergab dem Glücklichen die drei Goldmünzen.

Da jubelte das Volk begeistert, ließ den Mann hochleben und jeder wollte der Nächste sein, der ihm sein Geld gab. Doch auch zur damaligen Zeit waren die meisten arm wie Kirchenmäuse und niemand war mehr unter ihnen, der zwei Goldstücke sein Eigen nennen konnte. Sie flehten, er möge doch wenigstens ihre Kupferpfennige und Silbergroschen vervielfachen, doch der Mann schüttelte den Kopf:
„Ein richtiger Goldesel pflegt, wie sein Name schon sagt, nur Gold zu fressen und nichts anderes. Gebe ich ihm eure einfachen Münzen, wird er elendig zugrunde gehen. Aber warum legt ihr nicht euer ganzes Geld zusammen und spart eifrig, bis ich es in Goldmünzen wechseln kann? Die will ich dann gerne meinem Esel zum Fressen geben.“

Die Anwesenden nickten freudig, denn das war in ihren Ohren ein guter Vorschlag. Sie gründeten gemeinsam einen Goldesel-Sparfond, knapsten sich jeden Pfennig vom Munde ab und schickten dem Besitzer des Goldesels ihre Münzen.

Nach vielen Jahren nun rief der Mann alle Fondmitglieder zusammen und sprach:
„Ihr habt nun lange genug gespart und mir eure Münzen gesandt, nun konnte ich sie in zweihundert Goldmünzen wechseln. Die will ich heute an den Esel verfüttern. Hat er sie vervielfacht, werde ich jedem von euch seinen gerechten Anteil auszahlen.“

Der Mann schob eine Karre mit Goldmünzen zum Stall, die so schwer war, dass er sie dreimal auf seinem Weg absetzen musste. Derweil warteten die anderen und malten sich in den buntesten Bildern aus, was sie mit ihrem Gewinn machen würden. Die einen wollten sich ein Haus kaufen, andere auf Reisen gehen – und einige sich einfach nur richtig sattessen.

Langsam jedoch wurden sie ungeduldig, denn der Besitzer des Goldesels wollte und wollte nicht aus dem Stall zurückkehren. Schließlich wurde es Abend und die ersten waren so erbost, dass sie wütend zum Tor gingen und heftig dagegenpochten. Endlich öffnete es sich und der Mann trat mit traurigem Gesicht zu ihnen:
„Ich muss euch leider sagen, dass mein Goldesel tot umgefallen ist, als ich gerade das letzte Goldstück an ihn verfüttert wollte. Es kann sein, dass zweihundert Goldstücke einfach zu viel für seine Verdauung waren.“

Das erboste natürlich alle und sie liefen in den Stall, um nach dem Tier zu schauen. Tatsächlich fanden sie den Esel tot und rasch schnitten sie ihn von oben bis unten auf. Doch so sehr sie auch suchten, es fand sich nichts in ihm, was einem Goldstück ähnlich sah.

Die Menschen verklagten den Mann vor dem königlichen Gericht, doch befanden die höchsten Richter, er sei unschuldig und der Esel an einer Goldvergiftung gestorben.

Es geht das Gerücht, an jenem Platz, wo sich früher das Haus des Mannes befand, stehe heute das Frankfurter Bankenviertel. Doch dies kann ich nicht mit Gewissheit sagen.

18.8.08 22:08


Der Schornsteinfeger und der Bäcker

Der Schornsteinfeger und der Bäcker

In einem Dorf lebten einst ein Schornsteinfeger und ein Bäcker friedlich miteinander. Sonntags saßen sie gemeinsam in der vordersten Kirchenbank und feierten inbrünstig die heilige Messe. Begegneten sie einander auf der Straße, so grüßten sie sich und wünschten einen guten Tag.

Eines Morgens jedoch musste der Bäcker die Backwaren selber austragen, da sein Geselle krank war. Sein Weg führte ihn auch zum Haus des Schornsteinfegers.
Als ihm dessen Frau öffnete, sprach er galant:
„Schöne Gevatterin, ich habe Euch und Eurem Mann die süßesten Brötchen mitgebracht. Verspeist sie mit meinen besten Wünschen, denn Euer Mann sorgt heute dafür, dass mein Schornstein wieder kräftig rauchen kann.“
„Ich werde es ihm gerne ausrichten“, antwortete die Frau geschmeichelt, „doch ist mein Mann nicht im Haus. Er musste schon früh am Morgen fort, um den Leuten aufs Dach zu steigen.“
Als sie den Bäcker vor ihrer Türe von oben bis unten beschaute, dachte sie bei sich:
„Das wäre endlich ein Mann nach meinem Geschmack. Wie heißblütig doch seine Wangen glühen, wie weich und rundlich seine Gestalt ist. Der wurde aus einem ganz anderen Holze geschnitzt als mein Alter, der dürr und klapprig jeden Tag im eisigen Winde steht und die Kälte mit in unsere Kissen bringt.“
Und sie sprach:
„Kommt doch herein. Ihr schaut aus, als hättet Ihr von Euren eigenen Brötchen noch nicht gekostet, und mir selber ist es zuwider, am Frühstückstisch die leere Wand anzustarren.“ Zwinkernd fügte sie hinzu:
„Wir wollen doch einmal sehen, ob nicht auch ich euren Schornstein zum Rauchen bringen kann.“
Das ließ sich der Bäcker nicht zweimal sagen und antwortete:
„Wenn Ihr einen guten Esser braucht, so will ich mich gerne an Eure reichlich gedeckte Tafel setzen und mit allem Schönen verwöhnen, dessen das Bäckerhandwerk fähig ist.“

Zur selben Zeit läutete auch der Schornsteinfeger an der Backstube und sprach zur Bäckersfrau:
„Sagt eurem Gemahl, sein Schornstein würde wieder rauchen, als sei er neu.“
Die Bäckerin fand ebenfalls Gefallen an dem Mann vor ihrer Haustür und dachte:
„Das wäre wahrlich ein Mann nach meinem Gusto. Wie kühl doch seine Wangen sind, wie groß und hager seine Gestalt. Das ist ein anderer Kerl als mein Alter, der fett und schwitzend jeden Tag vor dem heißen Ofen steht und den Mehlstaub in unsere Kissen bringt.“
Und sie antwortete ihm:
„Was nutzt schon ein Kamin, wenn der Ofen nicht zum Glühen gebracht wird? Kommt nur herein, ihr seht mir arg verfröstelt aus. Wir werden gemeinsam schon einen Weg finden, wie wir uns ein wärmendes Feuer entfachen können.“
Der Schornsteinfeger nahm ihre Einladung nur zu gerne an und sie liebten und herzten sich, dass es eine reine Freude war.

Bald darauf kehrte der Bäcker zufrieden in sein Heim zurück. Seine Frau erwartet ihn bereits mit rot glühenden Wangen und sprach:
„Heute war der Schornsteinfeger da und hat bei uns ordentlich eingeheizt und den Ofen gereinigt, damit du wieder backen kannst.“
Als der Bäcker sein Weib betrachte, entdeckte er auf ihren Wangen und auf ihrer weißen Schürze lauter Russspuren und argwöhnte:
„Mir scheint, er ist nicht nur auf unserem Dach zugange gewesen. Sag mir sofort, woher die Rußflecken auf deiner Haut stammen oder ich erschlage dich!“
Seine Frau erwiderte: „Woher sollen sie schon stammen? Ich ließ ihn herein, damit er bei meinem Herd nach dem Rechten schauen kann. Dabei ist wohl etwas Ruß auf mein Gesicht gekommen.“
Der Bäcker blieb misstrauisch, doch konnte er seiner Frau nicht das Gegenteil beweisen. Also sprach er:
„Es mag so gewesen sein oder auch nicht. Auf jeden Fall sollst du nichts Schwarzes mehr in unser Haus hineinlassen. Sollte ich auch nur noch einen Rußfleck an dir erblicken, so wird es dir schlecht ergehen.“

Auch der Schonsteinfeger war wenig begeistert, als er seine Frau über und über mit Mehlstaub bedeckt sah. Sie redete sich zwar heraus, es stamme nur von einem Kuchen, den sie für ihn gebacken habe, doch er befahl:
„Mir darf nichts Weißes mehr ins Haus kommen. Sollte ich noch einmal Mehlspuren auf deinem Gesicht finden, werfe ich dich mit Sack und Pack hinaus.“

Am nächsten Tag geschah es, dass sich Bäcker und Schornsteinfeger auf der Straße begegneten. Sobald sie einander sahen, stürmten sie aufeinander los.
„Du elender Mehlwurm“, schrie der Schonsteinfeger, „lass in Zukunft deine dicken Pfoten von meiner Frau!“
Der Bäcker ließ sich nicht lumpen und rief:
„Und du schwarzer Schlotknecht hast deinen Ruß nicht auf dem Gesicht meiner Frau zu verteilen.“
Da war die schönste Schlägerei im Gange, es wurde getreten und gebissen, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte, und wären nicht andere Dorfbewohner dazwischen gegangen, hätte wohl einer sein Leben verloren.

So kehrten beide arg gebeutelt zu ihren Frauen zurück, der Schornsteinfeger über und über mit Mehl bestäubt, der Bäcker hingegen mit Russ.
Doch was ist schon die List der Männer gegen die List der Frauen? Beide mussten vor der Türe ihre Ärmel ausstrecken und die Bäckerin sagte, sie dürfe niemandem mit einem Rußfleck Zutritt gewähren, die Frau des Schornsteinfegers hingegen wollte nichts Weißes in ihr Haus lassen.
Wie auch die Männer bettelten und sich bemühten, die Spuren ihres Kontrahenten von der Kleidung zu wischen, die Frauen ließen sie nicht herein. Da standen sie nun zitternd bis weit in die Nacht vor ihren Häusern und baten um Einlass.

Die Frauen jedoch hatten erst dann Mitleid mit ihnen und ließen sie herein, als die Männer feierlich versprachen, der jeweils andere dürfe wieder ihr Haus betreten.

Trafen sich fortan die Familien, so grüßten Frauen einander im geheimen Einverständnis, ihre Männer jedoch blickten stur zu Boden in der Gewissheit, gleichzeitig Betrüger – und Betrogener zu sein.
26.3.07 10:50


Die Klage der Rapunzel

Sagt mir, Frau Königin, seid Ihr stolz auf die Erziehung Eures Sohnes?
Habt Ihr ihm alles beigebracht, was für einen zukünftigen Herrscher vonnöten ist?
Dass man zum Beispiel das Recht und die Menschen in seiner Nähe achte!
Bin ich denn als Gattin und Mutter seiner Kinder ohne Wert, da er mir jeglichen Respekt und das eheliche Recht verweigert?

Warum schaut Ihr mich nicht an, wenn ich mit Euch spreche?
Ich weiß, Ihr mögt mich nicht. Eine Dahergelaufene bin ich in Euren Augen, eine unwürdige Gespielin für Euren Sohn. Jemand, den er nur an den Haaren herbeigeschleppt habe, wie Ihr Euch zu scherzen erlaubtet.

Und doch liebte ich ihn und er liebte mich, als wir uns noch im Geheimen trafen, voller Sehnsucht und Furcht, es könne uns die Zauberin Gothel überraschen.
Damals war er jede Nacht bei mir. Am Abend ließ ich mein Haar hinab, damit er zu mir heraufsteigen konnte. Und jeden Morgen ließ ich ihn wieder hinunter, nachdem wir uns unter Tränen verabschiedet und er mir ewige Treue schwor.

Ach, wie jung ich war und unwissend. Er war der Erste, der mein abgeschiedenes Verließ betreten durfte und der Einzige, dem ich meine Wärme und Zärtlichkeit schenkte.
Ihr glaubt es mir nicht, aber mir war es einerlei, ob er nun Prinz war oder Bettler.

War ich denn nicht schon im Mutterleib verloren, da mich die Eltern eintauschten gegen Salat? Und war ich nicht erst recht verloren, als ich, der Welt und allen Menschen entrückt, aufwuchs zwischen dicken Mauern wie eine Gefangene, die keine Schuld in sich trägt?
Oh, welche Qual, aus dem Turmfenster dem Treiben der Menschen zuzuschauen, die so nah und doch unerreichbar fern. Wusste die Alte denn nicht, was sie tat? Sie ließ mir das Fenster, damit ich das Leben schauen, aber nicht davon kosten könne.

Nein, sie war nicht schlecht. Ihre Nachbarn fürchteten sie und waren ungerecht und boshaft zu ihr. So wollte sie mich schützen vor dieser Welt und erhob mich über alle hinweg, damit ihre Niedertracht mich nicht erreichte. Ach, hätte sie mir doch auch das Fenster genommen!

Das Fenster, in dem mich Euer Sohn erblickte und Gefallen an mir fand. Ja, er hing, weiß Gott, an meinem Zopf. Sein Gewicht trug ich mit Haaren und Leib!
Und als er blind in der Wüste irrte, da war es mein prächtiger Schopf, an den er sich klammerte, während ich unsere Kinder bei den Händen hielt. Mein langes Haar rettete uns aus der Not.

Ihr und Eure Lakaien habt ihm eingeredet, ich sei nicht gut genug für ihn. Was wusste ich auch schon von den Sitten und Gebräuchen bei Hofe. Für Euch war ich nichts als der Trampel aus dem Turm – dumm und zu nichts zu gebrauchen.
„Wie sieht es denn aus, wenn du dich mit so einer in königlicher Gesellschaft sehen lässt?“, fragtet Ihr ihn. Ich weiß es wohl, denn er hat es mir berichtet.
Auch die Früchte unserer Liebe waren Euch zuwider. „Exzellenz“ müssen die Kinder ihm sagen und nicht mehr „Vater“.
Und ich wurde zum Kebsweib, das Ihr verbergen müsst.
Seid Ihr stolz auf Euren Sohn, weil er tat, was Ihr von ihm verlangtet?
Seid Ihr stolz auf Euch, weil Ihr ihm mit dem Verlust der Krone drohtet, wenn er nicht von mir lassen könne?

Hinter dicken Mauern muss ich wieder mein Leben fristen. In einem Turmzimmer, nicht größer als jenes, in welchem ich meine Kindheit verbracht. Doch diesmal trugt Ihr Sorge dafür, dass die Welt dort draußen mich nie mehr erreiche. Das Haar ließet Ihr mir schneiden, damit niemand heimlich mein Zimmer erklimme.
Schaut Ihr mich deshalb nicht an?
Fühlt Ihr Euch unwohl, wenn Ihr mich so seht?
Wenn er heute rufen würde: „Rapunzel, lass dein Haar herunter!“, so könnte ich ihm nicht mehr dienlich sein.
Aber er ruft ja nicht mehr!
Wenn ich nach ihm frage, sagen mir Eure Diener, er sei ausgeritten. Und nun stehe ich vor Eurem Thron und ihr verkündet mir, mein Prinz habe eine neue Frau gefunden.
Schande, sage ich, Schande über Euch und Euren Sohn!
19.3.07 07:38


Prinz Fliegenherz und der Mondstreit

In der Zeit der Finsternis und Unwissenheit lebten auf der Erde die merkwürdigsten Geschöpfe. Es gab Riesen und Zwerge, Trolle und Zauberer, Untote und Scheinheilige. Die seltsamsten Wesen aber waren die Schwarztrottel.

Die Schwarztrottel lebten verstreut in kleinen Gruppen, denn zwischen ihnen herrschte ein erbitterter Streit. Dabei ging es um die entscheidende Frage, ob der Mond am Firmament in Wahrheit eine faulige Weintraube oder ein verschimmelter Käse sei.

Die Verfechter beider Theorien standen sich spinnefeind gegenüber. Sobald sich zwei Schwarztrottel begegneten, war ihre erste Frage:
"Glaubst du, der Mond ist eine Weintraube oder ein Stück Käse?"
Gab der andere die Antwort, an die auch sein Gegenüber glaubte, nickten sich beide freundlich zu und wünschten sich einen guten Weg. Gab er jedoch die andere Antwort, führten sie einen erbitterten Zweikampf auf Leben und Tod.

Eines Tages nun wurde Prinz Fliegenherz geboren und die königlichen Wahrsager prophezeiten an seiner Wiege, er sei derjenige, der die Frage nach der Beschaffenheit des Mondes endgültig beantworten und das Volk der Schwarztrottel einigen könne.

Prinz Fliegenherz wuchs zu einem stattlichen und schönen Schwarztrottel heran, doch verspürte er in sich gar keinen Drang, das Rätsel des Mondes zu lösen. Weil sein Leben im Schloss so abwechslungsreich und kurzweilig war, fiel er stets erschöpft ins Bett, bevor der Mond am Himmel stand.

Eines Tages sprach sein Vater:
"Lange genug hast du die Annehmlichkeiten des Hofes genossen. Es ist nun Zeit, dass du endlich die Antwort auf die uns alle bewegende Frage herausfindest, wie es vorhergesagt wurde."
"Mich interessiert der Mond nicht", antwortete der Prinz, "ich weiß ja gar nicht, wie er ausschaut! Und an so einen Unfug wie Wahrsagerei glaube ich erst recht nicht.“
Der König blickte ihn streng an, wie dies bisweilen Art der Mächtigen ist.
„Wenn du mir nicht gehorchst, so werden Weinkeller, Küche und Palastdirnen für dich auf alle Zeiten verschlossen bleiben und dein Leben bei Hofe wird nur noch aus schwerer körperlicher Arbeit bestehen.“
Der Prinz fiel vor seinem Vater auf die Knie und flehte ihn an, doch der zeigte kein Erbarmen. Da seufzte Prinz Fliegenherz ergeben, nahm sein Bündel, ließ die persönliche Leibgarde und seine Dienerschaft antreten und befahl die Abreise aus dem Schloss.

Den Unbilden des Lebens außerhalb der Palastmauern ausgesetzt, irrte er mit seinem Tross durch das Land. Begegnete er anderen Schwarztrotteln, die nach der Beschaffenheit des Mondes fragten, so verdrehte der Prinz die Augen und stöhnte:
„Ja ja, ich suche doch schon nach der richtigen Antwort!“
Diese völlig neuartige Erwiderung überraschte die meisten Schwarztrottel sehr. Sie ließen ihre Waffen fallen und folgten dem Prinzen bereitwillig.

Fliegenherz hatte den Mond immer noch nicht mit eigenen Augen gesehen, denn nach den langen und ungewohnten Strapazen auf seiner Reise fiel er jedes Mal am Abend in einen fast todesähnlichen Schlaf. Befragte er neugierig seine Untergebenen, wie denn der Mond ausschaue, so erhielt er je nach deren Glaubenszugehörigkeit die Beschreibung einer Weintraube – oder eines runden Stücks Käse.
„So werde ich noch mein Leben lang unterwegs sein und doch nicht die Antwort finden“, dachte er mürrisch und sehnte sich nach den Annehmlichkeiten des Palastes zurück.

Da geschah es, dass er eines Nachts träumte, er ginge allein durch den Wald. Der Wind raschelte in den Zweigen und am dunklen Himmel stand – tja, das konnte er nicht genau erkennen.
Doch plötzlich sah er an einer Wegkreuzung einen alten Mann, der ihn freundlich anlächelte und flüsterte:
„Ich verrate dir, der Mond ist ein ...“
In diesem Moment erwachte Prinz Fliegenherz schweißgebadet.

Rasch sprang er auf, öffnete sein Zelt – und blinzelte in das klare Morgenlicht.
„Heute werden wir nicht weiter ziehen“, befahl er seiner Eingebung folgend, „denn ich weiß, wie wir vielleicht die entscheidende Frage aller Schwarztrottel lösen können!“
Begeistert ließ ihn sein Tross hoch leben.

Am Abend zog er mit seiner Gefolgschaft in den Wald. Immer wieder spähte er zu den Baumspitzen empor, in denen sich ab und zu ein Stück des gelben Nachtgestirns zeigte – doch nie so viel, dass der Prinz die volle Größe oder gar die Beschaffenheit des Mondes hätte erkennen können. So vergingen viele Stunden, bis sie plötzlich auf einen alten Mann trafen. Der saß auf einem Stein und trug nichts als einige wenige Fetzen an seinem Leib.

„Von ihm habe ich geträumt“, rief der Prinz aufgeregt, sprang von seinem Pferd und eilte dem Alten entgegen. Kaum hatte er ihn erreicht, umarmte er ihn überschwänglich und sprach: „Rasch, verrate mir, ist der Mond eine Weintraube oder ein Stück Käse?“

Der Alte blickte den Prinzen verwirrt an wie die meisten Wesen, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben einem Schwarztrottel begegneten. Dann besann er sich und sagte:
„Ich kann Euch leider diese Frage nicht beantworten! Aber nicht weit von hier gibt es eine Höhle, in der lebt ein Orakel, das die Antwort auf alle Fragen kennt, die jemals gestellt wurden oder noch gestellt werden.“
„Was ist ein Orakel?“, fragte der Prinz verwundert.
„Auch diese Frage wird Euch das Orakel beantworten“, gab der Alte grinsend zur Antwort. „Gebt mir nur hundert Goldmünzen und ich zeige Euch den Weg!“
Dies tat der Prinz bereitwillig.

Der Alte stand auf, zeigte mit dem Finger zu den hohen Tannen und sprach: „In diese Richtung müsst Ihr gehen, dann findet ihr nach tausend Schritten eine große Höhle. Dort lebt das Orakel und wartet auf Euch!“
„Warum führst du mich nicht hin?“, fragte der Prinz.
„Ich bin nur der Hüter des Orakels – und darf ihm nicht näher kommen als bis auf diese tausend Schritte. Außerdem ist das Orakel etwas ... hm, eigenwillig.“

Prinz Fliegenherz begnügte sich mit dieser Antwort und gab seinen Leuten den Befehl, ihm zu folgen. Bald standen sie tatsächlich vor einer Höhle, deren Inneres so finster war, dass niemand seiner Begleiter es wagte, sie zusammen mit dem Prinzen zu betreten.
„Nun gut“, sprach Fliegenherz, „ich werde allein hineingehen und das Orakel befragen. Ihr wartet hier, bis ich wiederkomme und euch seine Antwort verkünde!“

Vorsichtig tastete sich der Prinz an den zerklüfteten Wänden entlang in das Innere der Höhle. Seine Augen gewöhnten sich langsam an die tiefe Dunkelheit und er sah auf dem Boden einen geheimnisvollen grünen Nebel. Mit jedem Schritt tauchte er tiefer in den wabernden Schleier ein. Bald reichte dieser ihm bis zu den Knien, dann war er schon bis zu seiner Hüfte emporgestiegen.

Als Prinz Fliegenherz völlig von dem grünen Dunst eingehüllt war, ergriff Furcht sein Herz und er schrie laut:
„Herr Orakel, seid Ihr hier irgendwo?“
Ein furchtbares Kreischen wie aus den Mündern von hundert Wahnsinnigen ertönte, gleichzeitig erschien in der Nebelwand ein rot glühendes Augenpaar. Der Prinz erschauderte.
„Was willst du Missgeburt von mir?“, brüllte eine tiefe Stimme.
„Ich wollte Ihnen gerne eine Frage stellen, Herr Orakel.“
„Frage stellen, Frage stellen“, äffte ihn die Stimme nach, „und ich dachte schon, du bist hier zum Kacken reingekommen.“

Fliegenherz errötete und bemühte sich um eine einigermaßen passable Prinzenhaltung.
„Sagen Sie mir bitte, ob der Mond ein Stück Käse ...“
Ein dröhnendes Lachen erklang und ließ die Wände erzittern.
„Hör gut zu, Fliegenschiss der Volltrottel, ich weiß alles über den Mond. Aber dir verrate ich nichts davon! Blöd sterben sollst du – und alle deine affengesichtigen Nachkommen.“

Weiß vor Wut zog der Prinz sein Schwert.
„Sag mir sofort, was ich wissen will, oder ich töte dich!“
Wieder erklang das grauenhafte Lachen.
„Du bist ja noch blöder, als ich dachte! Dann zeig doch mal, wie du mich töten willst! Aber stich dich nicht selber dabei ab.“

Der Prinz fuchtelte wild mit seinem Schwert durch den grünen Vorhang und zerschnitt ihn in wolkige Fetzen, doch sonst gab es da nichts, was er hätte treffen können. Schweißgebadet und atemlos verharrte er nach einiger Zeit. In diesem Moment erblickte er plötzlich einen schemenhaften Umriss, der direkt vor ihm auftauchte. Rasch stach er zu.

Ein spitzer Schrei, wie ihn noch nie zuvor ein Schwarztrottel gehört hatte, gellte auf und vervielfachte sich als Echo. Dann stöhnte es heiser:
„Ich fass es nicht. Da hat mich dieser Trottel doch getroffen, verdammte Scheiße!“

Blitzartig lösten sich die Nebelfetzen auf und gaben den Blick auf das Innere der Höhle frei. Auf dem Boden lag eine schlammbraune Gestalt, die röchelnd teerartige Klumpen ausspie.
„Du hast mich besiegt, Prinz“, flüsterte sie, „jetzt muss ich deine bescheuerte Frage doch noch beantworten. Der Mond ist ...“

Die Stimme erstarb. Voller Entsetzen spürte Fliegenherz, wie ein heftiges Beben die Wände erzittern ließ. Felsbrocken fielen krachend von der Decke herab und wirbelten dichte Staubwolken auf. Er blickte noch einmal auf die Gestalt vor seinen Füßen, die sich langsam in eine übel riechende, schwarze Pfütze auflöste. Dann drehte er sich um und rannte wie von tausend wilden Hunden gehetzt zum Ausgang der Höhle.

Als der Prinz endlich ins Freie taumelte, blickte er sogleich in die erwartungsvollen Gesichter seiner Untertanen.
„Was hat das Orakel gesagt?“, stürmten sie auf ihn ein. Verzweifelt blickte er zum Himmel empor, doch der Mond war erneut hinter den hohen Tannen verschwunden.
„Er hat gesagt, der Mond ist ... ein Stück Käse“, keuchte Fliegenherz.
Ein lauter Jubel ertönte, die Hälfte seiner Männer riss triumphierend die Arme empor, während die andere Hälfte grimmig zu Boden schaute und bereits die Hand zum Schwert führte. „Und er hat gesagt, hinter diesem Stück Käse befindet sich noch eine Weintraube“, fügte er rasch hinzu.

Es wurde so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können, wenn es zu jener Zeit schon eine gegeben hätte. Erschöpft beobachtete Fliegenherz seine Gefolgschaft und vernahm das laute Pochen seines Herzens. Im nächsten Moment brandete ein einziger Begeisterungsschrei auf und seine Männer lagen sich lachend und weinend in den Armen. Einige stürzten auf den Prinzen zu und hoben ihn auf ihre Schultern. „Er ist beides, er ist beides“, riefen sie begeistert im Chor.

Einige Tage später war Prinz Fliegenherz mit seinem Gefolge zum Schloss zurückgekehrt. Jubelnd wurden sie von allen empfangen und man gab ihnen zu Ehren ein großes Fest. Als jedoch der Mond aufging, lag der Prinz schon selig schlafend in seinem Bett.

Prinz Fliegenherz zu Ehren feierten die Schwarztrottel noch lange Zeit ihre Einigung und steckten in Erinnerung an jenes historische Ereignis kleine Käsestücke und Weintrauben auf einen Spieß. Und noch heute sollen dies die Nachfahren der Schwarztrottel bei abendlichen Veranstaltungen beibehalten haben.
17.3.07 14:41


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